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Die neue Lady für die Wirtschaft

Die neue Economiesuisse-Direktorin hat kein Auto und keine Putzfrau. Sie postet in Coop und Migros – und tanzte Ballett.

Von Peter Hossli (Text) und Gerry Nitsch (Foto)

monika_ruehlJa, sie könne sich glücklich schätzen, sagt Monika Rühl (50). «Ich bereue nichts, jeder meiner bisherigen Jobs hat mir gut gefallen.»

Ihr nächster, das weiss die Diplomatin, ist «eine echte Herausforderung». Ab Sommer leitet Rühl Economiesuisse – den Wirtschaftsdachverband in der Krise. Für die Wirtschaft wichtige Abstimmungen, Abzocker- und Zuwanderungs-Initiative, gingen verloren. Zu schnell kamen und gingen in den letzten Jahren die Direktoren und Präsidenten. Vorbei ist die Zeit, als der Economiesuisse-Direktor eine Art 8. Bundesrat war.

Das schlechte Image sei ihr bewusst, es schrecke sie nicht ab, sagt Rühl. Sie ist zierlich, spricht direkt, wirkt selbstbewusst, stolz. Einst tanzte sie Ballett.
Seit 2011 ist sie Generalsekretärin von Bundesrat Johann Schneider-Ammann und somit dessen engste Beraterin. Zuvor war sie persönliche Mitarbeiterin von Bundesrat Joseph Deiss. Als Diplomatin diente Rühl in New York, erlebte die Terroranschläge vom 11. September 2001 vor Ort. «Der einzige Tag, an dem ich wirklich Angst hatte.»

Es ist Freitag vor Mittag in einem Zürcher Hotel. Rühl zeigt sich der Presse, gibt ein Dutzend Interviews. Es ist ein Rampenlicht, das sie suchte, das ihr gefällt. «In den letzten Jahren hatte ich keinen Kontakt zu den Medien, jetzt freue ich mich auf Auftritte in der ‹Arena›.» Vor der Anstellung liess sie sich in einem Test von einer besonders hartnäckigen Journalistin befragen. Rühl bestand glänzend.

Es ist ein Talent, das sie gebrauchen kann. Das Image der Schweizer Wirtschaft ist angeschlagen, die Rettung der UBS noch immer nicht verdaut, hohe Managerlöhne irritieren weiterhin. «Die Wirtschaft trägt viel zum Wohl der Schweiz bei, diese positive Seite will ich besser zeigen.» Mit eigener Bodenständigkeit. Sie wohnt in ­einer Mietwohnung, kauft bei Migros und Coop ein, pendelt per Zug. «Ich habe kein Auto und keine Putzfrau», sagt Rühl. «Zwar putze ich nicht gerne, aber es entspannt.»

Wie steigt nun ihr Lohn, wenn sie vom Bund in die Privatwirtschaft wechselt? Rühl antwortet diplomatisch: «Mein Lohn ist eine gute Konstante.» Ohnehin: Nicht das Geld reize sie, sondern das Neue.

Ihr Ziele sind klar, aber weder neu noch sonderlich originell: «Wirtschaft und Politik sollen besser harmonieren.» Nicht nur rationale Argumente sollen künftig ihre Kampagnen prägen. «Es muss auch im Bauch etwas passieren.»

Rühl ist keine klassische Frau der Wirtschaft – und doch vertraut mit der Materie. Sie ist im politischen Bern vernetzt, diente 22 Jahren dem Bund. Sie kennt die Dossiers, handelte bilaterale Verträge aus, leitete Wirtschaftskommissionen.

Sie ist die erste Direktorin der Economiesuisse – und will Inspiration sein für andere Frauen, Kaderstellen anzustreben. Frauenquoten lehnt sie ab, bevorzugt ein frauenfreundlicheres Umfeld mit Hortplätzen und Teilzeitstellen. «Es ist schwierig, gleichzeitig Mutter zu sein und eine Karriere zu haben.»

Monika Rühl hat selber keine Kinder. Ein bewusster Entscheid sei dies nicht gewesen, «das hat sich so ergeben». Und sie sagt: «Mit Kindern hätte ich meine Karriere nicht so machen können.» Zu oft ist sie unterwegs, arbeitet lange, beginnt um 7 Uhr, kommt nach 20 Uhr heim. «Es gibt Mütter, die das schaffen, mir wäre das zu viel, ich hätte ein schlechtes Gewissen.» Das wirkt offen, ehrlich und authentisch – genau das, was Economiesuisse jetzt braucht.

Monika Rühl über

Johann Schneider-Ammann: Ist mein derzeitiger, toller Chef.
Frauenquote: Bringt es nicht.
Mindestlöhne: Nein.
Schweiz: Muss attraktiv bleiben.
Pendeln: Derzeit mit dem Zug, künftig mit Bus und Velo.
Nacht: Ich brauche mindestens sieben Stunden Schlaf.
Geld: Finanziert das Leben.

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