Articles by Peter Hossli, a curious reporter who always finds a good story

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“Ich tue alles, um Blutvergiessen zu verhindern”

Der einstige Öl-Milliardär Michail Chodorkowski über die Ukraine, sein neues Leben in der Schweiz – und die Liebe zur Musik.

Von Peter Hossli und Philippe Hubler (Fotos)

chodorkowski_zuerichDas dünne Haar ist aschgrau. Er lächelt sanft, der Händedruck aber ist kräftig. Für einen, der zehn Jahre im Gulag war, sieht Michail Chodorkowski (50) blendend aus. Mit Tochter Nastja (22) betritt er die Zürcher Tonhalle.

Dann herzt der einstige Öl-Milliardär den estnischen Komponisten Arvo Pärt (78) – es ist eine historische Begegnung . Das Zürcher Kammerorchester führt Pärts Sinfonie Nr. 4 «Los Angeles» auf. Der Este hatte das berührende Werk 2008 dem damals in Sibirien inhaftierten Chodorkow­ski gewidmet. Heute hört es der Russe zum ersten Mal. Er strahlt Ruhe und Bescheidenheit aus. In der Pause nimmt sich Chodorkowski im Solisten-Zimmer zehn Minuten Zeit für BLICK. Seine Tochter übersetzt englisch gestellte Fragen, er antwortet Russisch.

Herr Chodorkowski, was hat Ihnen im Gefängnis besonders gefehlt?
Michail Chodorkowski: Meine ­Familie – und der Austausch mit anderen. Schon im ersten Jahr merkte ich, wie sehr mir die Musik fehlte.

Sie lebten zehn Jahre ohne Musik?
Jegliche Art von Musik war im Gefängnis verboten, Tongeräte nicht erlaubt. Einst schrieb ich ins Tagebuch, ich würde nach meiner Freilassung in ­einem grossen Konzertsaal klassische Musik anhören. Wobei ich dachte, die Philharmonie in Moskau zu besuchen. Jetzt ist es halt Zürich.

Sie hören sich heute eine Sinfonie an, die Arvo Pärt Ihnen 2008 gewidmet hatte.  Wie haben Sie damals darauf reagiert?
Davon erfahren hatte ich im Gefängnis. Natürlich war ich sehr stolz. Es war für mein Überleben wichtig, dass Persönlichkeiten wie Arvo Pärt an mich dachten – und dass sie mit ihrer Arbeit auf mich aufmerksam machten. Ich stand das Gefängnis durch, weil andere mich nie vergassen.

chodorkowski_hossliWährend wir Musik hören, droht auf der Krim Krieg. Wie reagieren Sie auf den Einmarsch russischer Soldaten in die Ukraine?
Für mich – wie für die meisten Russen und Ukrainer – spielen sich derzeit surrealistische Dinge ab. Gesprengt werden die Grenzen der Realität.

Wie beurteilen Sie die Lage?
Politiker haben inkompetent gehandelt. Deshalb droht sogar ein ethnischer Konflikt zwischen Russen und Ukrainern. Betroffen sind Millionen russisch-ukrainische Familien. Auf dem Spiel steht das internationale Ansehen unseres Landes. Für die innenpolitische Situation hat das schwerwiegende Folgen.

Und für Sie?
Für mich ist das eine sehr persönliche Angelegenheit, denn ich habe Freunde und Verwandte in der Ukraine.

Werden Sie etwas unternehmen?
Wenn ich angefragt werde, bin ich gerne bereit, an jeden Ort in der Ukraine zu reisen. Ich tue alles, um Blutvergiessen zu verhindern.

paert_chodorkowskiWas braucht es denn, um eine weitere Eskalation zu unterbinden?
Unabhängige, international angesehene Personen, die mithelfen, die Lage zu beruhigen.

Sie sind seit zwei Monaten in der Schweiz. Wie sieht Ihr Leben aus?
Noch nie hatte ich so viel Zeit für meine Familie. Hoffentlich halten sie es mit mir aus! Das ist eine wichtige Zeit für uns: Nach zehn Jahren Trennung finden wir einander wieder.

Und das geht gut in der Schweiz?
Die Schweiz eignet sich hervorragend. Die Menschen sind ruhig, nie gehetzt. Eben war ich in New York und in Berlin. Neben diesen zwei Städten mag Zürich langweilig aussehen. Für mich ist Ihr Land nicht langweilig!

Wie sehen Ihre Pläne aus?
Wenn ich in der Schweiz bleiben darf, bleibe ich sicher länger. Ich bin in Moskau aufgewachsen. Als ich in New York war, habe ich realisiert, dass ich das schnelle Tempo des Alltags nicht mehr brauche. Für mich ist die Schweiz angenehmer.

paertDas wars. Ob Chodorkowski wieder ins Geschäft einsteigen oder politisch aktiv wird, «darüber reden wir zu einem späteren Zeitpunkt» verspricht er.
Nach dem Fall der Sowjetunion baute Chodorkowski ein Öl- und Handelsimperium auf. Sein Vermögen soll acht Milliarden Dollar betragen haben. 2003 wurde er verhaftet – und 2005 wegen Geldwäscherei und Steuerhinterziehung verurteilt. Laut «Fortune» soll er noch 100 bis 250 Millionen Dollar besitzen.
Nach der Aufführung steigt Pärt auf die Bühne, lässt sich feiern, gibt dann den Applaus weiter an Chodorkowski. Beide umarmen sich herzlich.

Einst hatte Pärt gehofft, eine Brieftaube werde seine Musik zu Chodorkowski ins Gefängnis tragen. «Jetzt ist es anders herausgekommen – viel schöner», sagte Pärt. «Michail und ich sind auf zwei Tauben zueinander geflogen und haben uns hier in Zürich getroffen.» Werden Sie sich wiedersehen? «Bestimmt, ganz bestimmt», sagt Pärt.

Mitarbeit: Andreas Dietrich
Copyright Fotos: MBK IP Limited

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