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“Putin ist ein extremer Narzisst!

CIA-Psychiater Jerrold Post legt Russlands Präsidenten auf die Couch. Wladimir Putin handelt selbstverliebt, ultraschnell – und machtversessen. Aber irr ist der gerissene Russe nicht.

Von Peter Hossli

putin_aufmacherWestliche Politiker sind sich einig: Der russische Präsident Wladimir Putin (61) sei, gelinde gesagt, nicht ganz dicht.

Als «besten Märchenerzähler seit Dostojewski» belächelt ihn US-Aussenminister John Kerry (70). Amtsvorgängerin Madeleine Albright (76) schimpfte ihn «wahnsinnig». Putin habe jeden Sinn für die Realität verloren, sagte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel (59) zu US-Präsident Barack Obama (52).

Alles falsch, sagt einer, welcher Despoten versteht. «Putin ist blitzgescheit. Er weiss genau, was er tut», so Psychiater Jerrold Post (80). Jahrzehntelang untersuchte er für den US-­Geheimdienst CIA, was brutale Diktatoren und Schergen antreibt, was ihre Schwächen und Stärken sind.

Er analysierte, warum sie tun, was sie tun. Post – er ist der Analyst des Bösen.

Und Putin? «Er ist ein extremer Narzisst», so Post. «Er dürstet nach Macht.» Narzissten brauchen Macht, weil sie Kontrolle wollen. «Er lässt sich von niemandem irgendetwas vorschreiben.»

Für die CIA erstellte Post psychologische Abrisse. Sie halfen Diplomaten wie auch US-Präsidenten bei Verhandlungen. So bereitete er 1978 für Jimmy Carter (89) das legendäre Gipfeltreffen zwischen Israels Premier Menachem Begin (1913–1992) und Ägyptens Präsident Anwar as-Sadat (1918–1981) vor.

Post schaut bei Analysen stets, wie die Demagogen und Despoten aufwuchsen. Was formte Wladimir Putin zum Narzissten? Seine Mutter gebar ihn mit 41, nachdem zwei ihrer Kinder gestorben waren. Somit war er Einzelkind – und einziger Über­lebender. «Die Mutter himmelte ihn geradezu an, was die narzisstische Prägung begünstigte», sagt Post.

Kleiner Bub
Klein und mollig war Wladimir zudem. Mitschüler hänselten ihn. «Schnell lernte er sich zu wehren», weiss der Psychiater. Er ging ins Judo. «Piesackte ihn einer, schlug er sofort zurück. Erniedrigen liess er sich nie.» Kritik von Lehrern ertrug er nicht. Rügten sie ihn, wehrte er sich.

Was typisch ist für Narzissten wie Putin. Widerrede überfordert sie. Als Ölmilliardär Michail Chodorkowski (50) Putin hinterfragte, landete er für zehn Jahre in Sibiriens Gulag.

Allzu kritische russische Journalisten verschwinden. Kritische Zeitungen gehen ein.

Zerfressen von Unsicherheit gehen Narzissten durchs Leben, sagt Post. Putin überdecke die Selbstzweifel mit rücksichtsloser Gewalt. Wie 1999, als er einen Aufstand in Tschetschenien niederschlagen liess.

putin_ubootAls «unbestreitbaren Beweis von Putins extremem Narzissmus» nennt der Psychiater die grotesken Showeinlagen des russischen Präsidenten. Wenn er halb nackt reitet, schwimmt oder jagt, wenn er beim Tauchen alte Vasen birgt, welche Mitarbeiter vorher platzierten: Das berührt peinlich. Doch «Putin macht es, weil er über alle Ohren in sich selbst verliebt ist», sagt Post. «Und weil er zeigen will: Er hat alles im Griff. Er will nie mehr gehänselt oder herumgeschubst werden.»

Spektakuläre Auftritte
Die spektakulären Auftritte nahmen zu, als Putin 2008 aus dem Präsidentenpalast auszog und Ministerpräsident wurde. Post: «Damit zeigte er, wer in Russland nach wie vor der starke Mann ist.» Vier Jahre später bewarb sich Putin wieder für das höchste Amt im Land. Die Russen schickten ihn zurück in den Kreml. «Weil sie einen mächtigen Leader wollen», sagt Post. «Dass er das ist, führte Putin jahrelang vor.»

Ein starker Leader, der weiss, was er tut: Dieses Bild wolle er im Ausland abgeben. «Deshalb lieferte er eine völkerrechtliche Erklärung, warum er die Krim zu Russland holte.» Deshalb bot er Obama vorgestern eine diplomatische Lösung an. «Er will als rational gelten.»

Was rät Post jenen, die mit ihm verhandeln? «Sie dürfen nie vergessen, was für ein grandioser Narzisst er ist, der alles tut, um eigene Interessen voranzutreiben», sagt er. «Worte sind ihm wichtig, er wählt sie mit Bedacht. Um mit ihm zu verhandeln, muss man Klartext sprechen.»

Entscheide fälle Putin «so schnell wie kein anderer Staatschef». Post erklärt es mit dessen Zeit als KGB-Offizier in der DDR und dem Zusammenbruch der Sowjetunion – laut Putin die «grösste geopolitische Tragödie des 20. Jahrhunderts».

Die Schuld sieht er beim Kreml. «Er glaubt, dass es die UdSSR heute noch gäbe, wenn damals rasch und zügig gehandelt worden wäre», sagt Post. «Deshalb marschiert Putin heute ohne Rücksichtnahme durch.»

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