Articles by Peter Hossli, a curious reporter who always finds a good story

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“Ich gebe nie auf!”

Ein Zürcher Wein- und Milchbauer stoppt den Gubrist-Ausbau – für seine Enkel. Ein Stück über Schweizer Werte.

Von Peter Hossli (Text) und Siggi Bucher (Fotos)

hanspeter_haug2Ein Jahr hat 365 Tage. An 343 davon stauen sich Fahrzeuge am Gubrist durchschnittlich sechs Stunden. Kein Schweizer Flaschenhals ärgert mehr Autofahrer als der 3250 Meter lange Tunnel, der im Kanton Zürich das Limmattal mit dem Glatttal verbindet.

Entlastung brächte eine dritte Röhre. Doch sie ist in weite Ferne gerückt. Wegen Wein- und Milchbauer Hanspeter Haug (64).

Zehn Jahre stemmte sich der Gemeindepräsident von Weiningen ZH gegen das Gubrist-Projekt des Bundesamts für Strassen (Astra). Nun gab ihm das Bundesgericht in Lausanne recht. Mit weitreichenden Folgen.

Um Milliarden teurer dürften Strassenbauten schweizweit künftig werden. Statt wie einst geplant nächstes Jahr entlasten wohl frühestens 2025 sechs Spuren den Engpass am Gubrist. Bei jährlich 2058 Stunden Stau sind dies total 28 weitere Monate, während denen Autos vor dem Tunnel nonstop stillstehen.

Breitbeinig steht Bauer Haug in seinem Weinberg. Die Stadt Zürich sieht er, das Alpenpanorma und die Autobahn, die unter ihm wummert. Ein Flugzeug donnert über seinen Kopf hinweg.

Haug lacht. «Genugtuung» empfinde er. Ein Bart verdeckt sein kantiges Gesicht, noch immer blond ist sein volles Haupthaar. «Ich muss mich etwas gegen die Niedertracht der Schadenfreude wehren.» Dabei ist er es wohl: ein bisschen schadenfroh. Er, der Bauer vom Dorf, hat mit anderen das übermächtige Astra gestoppt.

hanspeter_haug5Wie David einst Goliath bodigte.

Haug winkt ab. «Ich bin weder Rebell noch Verhinderer.» Er wolle die dritte Röhre. Weiningen leide unter dem Stau ja auch. «Chlöpft es in beiden Tunnels, ist hier jeder Feldweg verstopft.» Für den Gubrist will er aber «die richtige und beste Lösung, nicht die schnellste».

Die Verantwortung
Verantwortlich für das Fiasko sei nicht er, sondern das Bundesamt für Strassen. «Das Astra hörte nicht auf die Menschen, die beim Gubrist leben.» Längst hätten in Bern die Beamten mehr Macht als Politiker.

Er schlug eine Alternative vor, die leiser und sicherer wäre, Abgase vermindere, weniger Land beanspruche. «Unverständlich ist mir, warum die Beamten vom Astra diese bessere Lösung nicht wollten.»

Letztlich wegen des Geldes, sagt der stellvertretende Astra-Direktor Jürg Röthlisberger (50). «Wir vertreten alle Schweizer Steuerzahler.» Bei Strassenprojekten wie dem Gubrist folgt er den Vorschriften des Bundesrats. «Wenn wir künftig jeden lokalen Wunsch berücksichtigen, wird das extrem teuer.»

hanspeter_haug_enkelHaug steht am Hang, das linke Bein angewinkelt, damit er Halt hat. Fürsorglich lehrt er seinen Enkel Sven (4), eine Traube zu schneiden. «Alles, was wir heute bauen, benutzen die Menschen nach uns.» Sven schluckt eine Beere. «Wir werden an dem gemessen, was wir der nächsten Generation überlassen.»

Das Gezerre am Gubrist ist somit eine Geschichte um Werte.

Was ist uns wichtiger: Dass täglich 110000 Autos flüssig fahren oder dass ein Dorf an der Autobahn
weniger Lärm hört, weniger Abgase einatmet? Was darf das kosten?

Weiningen liegt im Limmattal, in einem Wulst aus Wohnblocks, Kränen und Lagerhäusern, der Baden AG und Zürich zur Millionenmet­ropole vereint. Auto-, S-Bahn und Limmat balgen sich um Platz. «Mittendrin konnte Weiningen den ländlichen Charakter beibehalten», sagt Haug. Als «Bijou im Limmattal» preist er die Gemeinde online an. «Menschen vor uns haben dem Dorf Sorge getragen, jetzt mache ich das.»

Deshalb begann er 2004 das Astra-Projekt zu bekämpfen. Er forderte eine 270 Meter lange Über­dachung der Autobahn und eine Verlegung der Einfahrt. Von 500 Hektaren Land in Weiningen würde die Schnellstrasse heute 40 Hektaren beanspruchen. «Wenn die Autobahn schon durch unseren eigenen Garten rast, wollen wir sagen wie.»

hanspeter_haug4Wein und Wurzeln
13 Weinsorten keltert Haug. Im Keller blubbert in Fässern gärender Traubensaft. Er verkauft 20000 Flaschen Wein jährlich, direkt ab Hof und an Beizen. Im Stall kauen 50 Stück Vieh. Vor zwei Stunden erst brachte eine Kuh ein Kalb zur Welt. «Ich bin gerne bei den Viechern», sagt er. Während des Sommers sei er meist in den Reben. «Da kann ich den Kopf lüften.»

Wurzeln habe er nur hier in Weiningen. Zwei seiner drei Kinder wohnen im Dorf. Schon der Urgrossvater machte Wein und Milch, dann der Grossvater und sein Vater. Nun übernimmt sein Sohn den Betrieb. Seine Enkel helfen bereits bei der Wümmet. «Es ist mir wichtig, dass alles weitergeht», sagt er. Auf seinem Hof wie in seinem Dorf.

Eine Maschine der Swiss überfliegt den Rebberg. Flugzeuge betritt Haug nie. Er will die Welt nicht bereisen. Als Jungspund verbrachte er einst ein Jahr in der Romandie – und hatte «vom ersten bis zum zweitletzten Tag Heimweh». Sein Witz ist trocken. Auf die Frage, wie alt er sei, sagt er: «Nächstes Jahr erhalte ich die AHV.» Am Tag, als er vor Gericht gewann, brachte er rote Rosen nach Hause. Sie stehen noch immer in der Stube. «Meine Frau hat mich an jenem Tag seit 38 Jahren ausgehalten.»

weiningenFür die SVP sitzt Haug im Zürcher Kantonsrat, «als Mitglied des gemässigten Flügels». Politik habe er «im Blut». Sein Vater war Schul-, der Grossvater wie er Gemeindepräsident – ganze 30 Jahre lang. «Waren sich damals Pfarrer, Lehrer und Gemeindepräsident einig, konnten sie alles durchbringen.» Keiner hätte je gemotzt. «Heute braucht es schon Argumente.»

Damit habe er gegen das Astra gekämpft. «Ans Ziel kommen will ich nur mit legalen Mitteln.» Statt vor Gericht zu ziehen, wollte er eine einvernehmliche Lösung aushandeln. Es gelang nicht, weil das Astra «unbedingt ein Präjudiz verhindern wollte», sagt Haug. «Hätten sie Weiningen nachgegeben, müssten sie allen nachgeben.»

Astra-Vize Röthlisberger stimmt ihm zu. «Das Urteil kann weitreichende Folgen haben», sagt er. «Bislang hat das Bundesgericht geprüft, ob ein Projekt gesetzeskonform ist. Neu planen die Richter scheinbar mit.» Was bedeutet das? «Künftig könnten die von Nationalstrassen betroffenen Regionen ver­langen, was sie wollen – und wir müssten es ihnen geben.» Was «unheimlich teuer» würde.

Beim Gubrist hätten sie alle Vorschriften eingehalten und wie stets technische, ökonomische und ökologische Anliegen verknüpft. «Das Bundesgericht räumt nun lokalen Interessen offenbar mehr Gewicht ein. Das nehmen wir sehr ernst.»

Engpassprojekte hat das Astra in Genf und Basel, Bern und Luzern sowie St. Gallen. Diese könnten sich wegen des Gubrist-Urteils jetzt «verzögen und verteuern», glaubt Röthlisberger. «Ist das wirklich im Interesse der Steuerzahler?» Verloren habe das Astra am Gubrist nicht, sagt er. «Wir wollen so schnell wie möglich realisieren und haben jetzt einen Prüfauftrag mit offenem Ausgang.» Was Haug klar ist: «Wir sind noch nicht am Ziel.»

Daher sagt er: «Ich gebe nie auf!»

Wie hartnäckig er kämpft, weiss Verkehrsministerin Doris Leuthard (51). Haug besuchte sie bei einem Auftritt in der Stadthalle von Dietikon ZH. Ein Fuhrwerker fragte sie, warum seine Chauffeure am Gubrist so oft stillstünden. «Fragen Sie die Gemeinde Weiningen!», rief Leuthard. Haug («Ich bin besonnen») kochte. «Das geht überhaupt nicht, Frau Bundesrätin», schnauzte er sie in der Stadthalle an. «Wir versuchten, uns zu erklären. Ihre Beamten hören nicht auf uns!» Später schrieb er ihr einen «gehässigen Brief». Nie hat er sich entschuldigt.

Mit David ist Haug verglichen worden, mit Asterix, der im gallischen Dorf den Römern trotzte. «Bern hat einfach nicht damit gerechnet, dass sich eine Gemeinde so lange mit Argumenten wehrt», sagt Haug, «und zuletzt gewinnt.»

Der Triumph reiche weit über das Limmattal hinaus. «Viele Gemeinden wittern Morgenluft», so Haug. Widerstand allein reiche nicht. «Wer sich wehrt, muss ein Projekt kennen und Alternativen haben.»

gubrist_variantenDer Streit um die dritte Röhre
Vor 13 Jahren begann die Bau­direktion des Kantons Zürich, sich mit dem Ausbau der Zürcher Nordumfahrung zu befassen. 2004 gab sie ein erstes Projekt ein. 2007 erteilte der Bund eine generelle Bewilligung für einen durchgehenden Ausbau des Nordrings auf sechs Spuren mit einer dritten Röhre durch den Gubrist. Ein Jahr später ging das Projekt vom Kanton Zürich zum Bundesamt für Strassen (Astra). Ohne etwas daran zu ändern, zog das Astra es weiter – und erhielt 2012 die Planungsgenehmigung.

Widerstand und Einsprachen gab es ab 2004. Federführend war die Gruppe Chance Gubrist um den Weininger Gemeindepräsidenten Hanspeter Haug. Sie verlangte eine Überdachung der Autobahn auf einer Länge von 270 Metern vor dem Portal des Tunnels. Das Bundesverwaltungsgericht lehnte das Begehren ab, ebenso National- und Ständerat. Ende 2012 einigten sich Bund, Kanton und Weiningen auf eine Überdachung von 100 Metern.

Nicht zufrieden gab sich Chance Gubrist mit der Lage des Halbanschlusses Weiningen. Sie wollte ihn um 600 Meter in Richtung Limmattaler Kreuz zurückversetzen. Das Astra wollte den Anschluss um 160 Meter verlegen. Gemeindepräsident Haug zog das Anliegen bis vor Bundesgericht. Vorletzte Woche urteilten die Richter in Lausanne, das Astra müsse den Vorschlag der Weininger prüfen. Zudem hielten sie fest, allenfalls sei auf den Anschluss zu verzichten. Somit beginnt das gesamte Genehmigungsverfahren nochmals neu – mitsamt Einsprachemöglichkeiten. Wann die Nordumfahrung fertig ist, wagt niemand genau zu sagen. Ab 2020 könnte die dritte Röhre fertig sein, die beiden alten dürften bis 2025 saniert sein. Erst dann gibt es freie Fahrt durch den Gubristtunnel.

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