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Frankreich jagt die Terrorbraut

Europäische Fahnder wollen die Komplizin der Terroristen stellen. Sie soll nach Syrien geflohen sein.

Von Peter Hossli, Adrian Meyer, Deborah Lacourrège, Katia Murmann

hayat.boumeddieneGanz Frankreich rätselt über eine junge Frau: Ist Hayat Boumeddiene (26) eine Terrorbraut? Wo steckt sie? Was weiss sie über die Anschläge, die Paris und die Welt erschüttern?

Tausend Polizisten sind ihr auf den Fersen. Boumeddiene ist Freundin und religiöse Ehefrau von Amedy Coulibaly († 32), der in einem jüdischen Supermarkt vier Menschen getötet hat.

Sie soll demselben Terrornetzwerk angehören wie die Brüder Saïd († 34) und Chérif Kouachi († 32), die am Mittwoch mit Kalaschnikows die Redaktion des Satire-Magazins «Charlie Hebdo» stürmten und zwölf Menschen töteten, darunter famose Zeichner.

Die Brüder Kouachi und Coulibaly starben im Kugelhagel, Boumeddiene ist flüchtig. Über 500-mal telefonierte sie 2014 mit der Ehefrau von Chérif Kouachi. Zeugen wollen sie bei der Geiselnahme im Supermarkt gesehen haben. Womöglich verliess sie Frankreich aber noch vor den Anschlägen. Laut «Le Monde» sei am 2. Januar ein Flugticket Madrid – Istanbul auf sie ausgestellt gewesen. Am 8. Januar habe sie die Grenze nach Syrien überquert. Sie soll sich dem «Islamischen Staat» angeschlossen haben. Die Fahnder wollen sie lebend, um die Hintergründe der Massaker in Paris auszuleuchten.

Boumeddiene ist Französin. Sie wuchs in einer algerischstämmigen Familie in der Pariser Vorstadt Villiers-sur-Marne auf, radikalisierte sich mit Coulibaly und heiratete ihn 2009 in einer religiösen Zeremonie. Sie legte den Niqab an, pilgerte nach Mekka. Bei einem Treffen mit einem Islamisten entstanden Fotos (oben), die sie beim Training mit einer Armbrust zeigen.

Die Fahnder bekamen nicht mit, dass sie sich von der Gesellschaft entfremdete: Wegen ihres Gesichtsschleiers verlor sie einen Job als Kassiererin, der Kontakt zu den Eltern brach ab: «Ich stehe unter Schock», so der Vater zur Polizei. «Ich kann nicht glauben, dass meine Tochter etwas mit den Attentaten zu tun hat.»

Premierminister Manuel Valls (52) sagte am Freitag im Fernsehen: «Wir haben versagt.» Und: «Wenn 17 Menschen sterben, gab es Fehler.» Denn jahrelang hatten französische und US-Spione die Kouachis auf dem Radar: Saïd reiste 2011 in ein Al-Kaida-Trainingslager nach Jemen, einer Brutstätte des islamistischen Terrors. Chérif sagte, er sei im Jemen ausgebildet worden – und habe im Auftrag von Al Kaida gehandelt. 2005 verhaftete die französische Polizei Chérif. Er wollte im Irak gegen die USA kämpfen. Zwar beschatteten Beamte nach seiner Rückkehr aus dem Jemen auch Saïd. Doch sie stellten die Überwachung ein – von Heimkehrern aus dem syrischen Bürgerkrieg gehe grössere Gefahr aus.

Eine seltsame Stimmung herrscht in Paris: Menschen in Bars und Bistros trotzen dem Schrecken, rauchen und flirten. In den Schaufenstern kleben «Je suis Charlie»-Plakate. Überall liegen Blumen, flackern Kerzen. Auf der Place de la République trauern Menschen. «Ich habe noch immer Angst» sagt Esla Oudshoorn (22), ein Model. «Mein Leben aber ändere ich nicht.» Das Massaker werde Frankreich verändern, nicht nur zum Schlechten: «Wir sind alle näher zusammengekommen.»

Romain Garcia (33) führt Touristen durch Paris. «Noch ist nichts vorbei», sagt er. «Eine grosse französische Tradition wurde getroffen, die Satire, frech zu sein gegenüber Autoritäten.» Dem neuen Gemeinschaftsgefühl misstraut er: «Unserem Land droht die Spaltung.» Es sei «abscheulich», dass die Front National nicht zum offiziellen Trauermarsch eingeladen wurde. Alle sollten kommen, aber nicht als Partei oder Politiker. Garcia: «Ich will keine Flaggen sehen, keine Ideologie. Nur Menschlichkeit.»

Über eine Million Trauernde werden heute erwartet. Bewacht von tausend Soldaten, die höchste Sicherheitsstufe bleibt in Kraft. Al Kaida und IS haben neue Anschläge angedroht. Mit Hilfe der Terrorbraut?

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