Observations by Peter Hossli, a curious reporter who always finds a good story

Ein Hallenbad für alle

franken1Der Mindestkurs ist weg, der Euro sackt ab. Darunter leiden Tourismus und Exportindustrie. Besorgt reagieren Schweizer Politiker und Unternehmer. Negativzinsen sollen das Problem beheben.

Es gibt wirkungsvollere Mittel: Wir müssen ein riesiges Staatsdefizit erzeugen. Zumal der Franken erstarkt ist wegen des verhältnismässig gesunden Haushalts der Eidgenossenschaft, der Kantone und der Gemeinden. EU-Länder hingegen schreiben hohe Defizite.

Wollen wir den Franken schwächen, muss der Staat mehr ausgeben, viel mehr. Ein paar Ideen für Politiker und Unternehmer:

• Jede Schweizer Gemeinde baut ein neues Hallenbad mitsamt Rutschbahn
• An Werktagen kostet Zugfahren nichts
• Wer nicht Zug fährt, erhält ein deutsches oder italienisches Auto nach Wahl
• Der Bund subventioniert Benzin
• Der Bund gründet eine eigene Fluggesellschaft; sie heisst Swissair
• Die Flugwaffe erhält trotz Gripen-Nein dieses Jahr neue Kampfflugzeuge
• Milchbauern erhalten den doppelten Betrag für den Liter Milch bei gleich bleibenden Milchpreisen
• Seeanstoss für alle Hausbesitzer; der Bund legt neue Seen an
• Baden, Aarau, Winterthur, St. Gallen und Bülach bauen je ein neues Opernhaus
• Sommerskifahren in Solothurn
• Schweizer Regisseure drehen nur noch mit amerikanischen Schauspielern
• Baubeginn neuer Gotthardröhren in der zweiten Hälfte März

Weitere Vorschläge sind willkommen

Bundesrat goes Mafia

Rechtzeitig aufs neue Jahr veröffentlicht die Bundeskanzlei das neue Bundesratsfoto, konzipiert und aufgenommen von den Fotografen Christian Grund und Maurice Haas.

Sie inszenieren die Schweizer Regierung im Stil einer Mafia-Familie. Das visuelle Vorbild? Die HBO-TV-Serie “The Sopranos”.

Vizepräsident Johann Schneider-Ammann dominiert das Bild wie Tony Soprano, und Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga scheint den Part von Carmela zu besetzen. Die am Rand sitzende Bundeskanzlerin Corina Casanova? Dr. Jennifer Melfi!

Schmuckes Detail: Das Uralt-Telefon neben Didier Burkhalter? Klingelte in der Tauf-Mord-Szene von “The Godfather”. Es ist eine Referenz an eine der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte.

Kühn.

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Begegnungen 2014

Journalismus funktioniert, wenn er am kleinen Ort die grosse Geschichte erzählt, oder aktuelle Themen mit Menschen plausibel darstellt. Das habe ich 2014 als Autor der Blick-Gruppe versucht. Grossem Dank verpflichtet bin ich all jenen Menschen, die mir ihre Zeit schenkten – und den Fotografinnen und Fotografen, mit denen ich unterwegs war.

Januar
schwab“Ich bin quasi Volontärin”
Beim ersten WEF war sie Assistentin, dann heiratete sie den Gründer. Nun sorgt Hilde Schwab in Davos für Bodenhaftung.
Frau Schwab, welcher Staatschef hat den stärksten Händedruck?
Hilde Schwab: Da ich selber hart zulange, fallen mir die Drücker gar nicht so sehr auf.

Wer drückt denn fester – Staatschefs oder Manager?
Politiker langen kräftiger zu als Manager.

Sie und Ihr Mann Klaus drücken in Davos die Hände aller Gäste am Vorabend des Weltwirtschaftsforums. Warum?
Wir sind die Gastgeber, es ist die einzige Gelegenheit, alle zu begrüssen. Sonst ist das Programm voll.

An den Gedenkfeiern von Nelson Mandela drückte US-Präsident Barack Obama die Hand des ­kubanischen Präsidenten Raoul Castro. Warum ist das wichtig?
Wegen der Symbolik. Ein solcher Händedruck sagt: «Um die Welt zu verbessern, müssen wir zusammenarbeiten.» Der Handschlag kam unerwartet – und ist deshalb wichtig.

Das erste WEF fand 1971 statt. Warum wurde es ein Erfolg?
Weil wir intellektuell unabhängig und neutral blieben. mehr

leuthard“Sollte ich Angst haben?”
Bundesrätin Doris Leuthard über verlorene Abstimmungen – und warum sie häufig Heli fliegt. Sie habe kein schwieriges Verhältnis zur Auto-Lobby, sagt die Verkehrsministerin. Und erklärt, warum Fabi ein guter Name für eine Bahnvorlage ist.
Frau Bundesrätin, wo ist die Schweiz am unerträglichsten?
Doris Leuthard: Die Schweiz ist ein schönes Land und nirgendwo unerträglich!

Doch – im Pendler-Strom!
Finden Sie das wirklich?

Ihre Frage zeigt: Sie kennen die Welt der Pendler nicht.
Zwar pendle ich nicht jeden Tag, aber gerade letzte Woche fuhr ich zu Stosszeiten mit der Bahn.

Und Ihr Eindruck?
Unser Bahnsystem ist sehr gut und wird darum stark genutzt. Wegen der wachsenden Mobilität müssen wir mehr investieren. Das wird mit der Bahnvorlage Fabi ermöglicht.

Die Züge sind verstopft. Niemand pendelt gern. Warum wollen Sie es trotzdem fördern?
Wir fördern nicht das Pendeln, wir schaffen mehr Platz, damit die Leute von A nach B kommen und wir Güter bewegen können. Pendeln ist wegen familiären Situationen oder der Arbeit eine Realität. mehr

wallenbergHausmeister der Milliarden
Der schwedische Industrielle und Investor Jacob Wallenberg will uns den Gripen verkaufen – und sagt, warum nur Zuwanderer die AHV retten können.
Jacob Wallenberg ist hungrig. «Am WEF fehlt die Zeit zum Essen», sagt er. «Es ist zu viel los.» Er sitzt in einem vollen Café im Davoser Grandhotel Steigenberger, trinkt Wasser, wirkt bescheiden. Seine Familie kontrolliert ein Konglomerat aus global tätigen Firmen – seit fünf Generationen. Bei Saab sind die Wallenbergs die grössten Investoren. Der schwedische Konzern fabriziert den Kampfjet Gripen. Am 18. Mai entscheiden wir an der Urne, ob die Schweizer Luftwaffe 22 Gripen für 3,126 Milliarden Franken beschafft. Hinzu kommen jährlich wiederkehrende Unterhaltskosten.

Herr Wallenberg, wie sicher ist der Luftraum über Davos?
Jacob Wallenberg: Wissen Sie, es ist immer möglich, etwas noch besser zu machen.

Um Reiche und Mächtige am WEF besser zu schützen, braucht die Schweizer Luftwaffe also ein schwedisches Flugzeug?
Wenn das Schweizer Volk dieses schwedische Flugzeug will, freuen wir uns sehr, es bauen zu dürfen.

Den Luftraum über Davos macht der Gripen aber nicht sicherer!
Was gut für die Schweiz ist, beurteilen allein die Schweizer Regierung und ihre Luftwaffe – nicht ich. mehr

filippoBewerbungsfahrt in Orange
Züri-Tour mit Stapi-Kandidat Filippo Leutenegger. Wie will er die grösste Schweizer Stadt verändern?
Filippo Leutenegger sieht die Lücke, zieht am Gas und lenkt die orange Vespa vorbei an der Autokolonne. «In Zürich kommst du am schnellsten auf zwei Rädern voran», sagt der FDP-Nationalrat. Alle zwei Jahre kaufe er sich eine neue Vespa. Die alten Roller gebe er den Söhnen weiter, sagt der Vater von fünf Kindern.

Der ehemalige Chefredaktor des Schweizer Fernsehens und «Arena»-Moderator ist am 9. Februar Kandidat für den Zürcher Stadtrat – und möchte die amtierende Stadtpräsidentin Corine Mauch (53) aus dem Amt drängen. Alles hätte er erreicht, sei finanziell unabhängig, habe «eine wunderbare Familie», sagt Leutenegger. «Jetzt will ich mich für die anderen engagieren.»

BLICK begleitete den Vespa-Fahrer durch Zürich – und befragte ihn zu elf umstrittenen Themen in der grössten Stadt der Schweiz. mehr

Februar

mauch“Meine Aufgabe ist Hochleistungssport”
Velotour durch Zürich mit der Stadtpräsidentin. Corine Mauch (53) über die Finanzlage der Stadt, warum die Verichtungsboxen und ihre Vorliebe im Fussball.
Frau Stadtpräsidentin, am Sonntag wählt die Stadt Zürich. Fürchten Sie um Ihr Amt?
Corine Mauch: Nein, ich bin zuversichtlich. Auf der Strasse erhalte ich viele positive Rückmeldungen, auch von Sympathisanten anderer Parteien.

Filippo Leutenegger will Sie verdrängen. Als BLICK letzte Woche mit ihm auf der orangen Vespa durch Zürich fuhr, meldete sich Ihr Komitee: Sie hätten ein rotes Velo – und wollten auch in den BLICK.
Mein Velo besitze ich seit fünf Jahren. Herr Leutenegger wechselt die Vespa alle zwei Jahre. Zudem fahre ich ein Elektro-Velo, betrieben mit Ökostrom!

Dennoch waren wir erstaunt. Sie reagieren sonst langsam auf Ringier und ignorierten eine Anfrage von Ringier-CEO Marc Walder, Zürich als Medienstadt zu stärken.
Da ist in meinem Sekretariat ein Fehler passiert. Als ich davon erfuhr, nahm ich sofort mit Herrn Walder Kontakt auf. Wir hatten bereits ein Gespräch und verfolgen das Projekt Medienstadt.

Zu Beginn Ihrer Amtszeit beklagten Sie sich über das hohe Pensum. Haben Sie sich daran gewöhnt?
Meine Aufgabe ist anspruchsvoll, ein Hochleistungssport. Jetzt kenne ich aber die Dossiers und meine Geschäfte besser. Die Arbeit macht mir Spass – was die dafür nötige Energie freisetzt. mehr

martullo“Auch wir haben Offshore-Gesellschaften”
Ems-Chefin Magdalena Martullo nimmt FDP-Bundesrat Johann Schneider-Ammann in Schutz.
Frau Martullo, Bundesrat Johann Schneider-Ammann hatte bei der Ammann Group eine Offshore-Holding eingerichtet, um Steuern zu sparen. Was halten Sie davon?
Magdalena Martullo: Wir sind ebenfalls ein internationaler Konzern. Auch wir haben «Offshore-Gesellschaften».

Warum braucht die Ems solche Gesellschaften?
Wir brauchen sie für die Finanzierung unserer Tochtergesellschaften. Dafür haben wir Spezialisten vor Ort angestellt. Es gibt Länder, die für gewisse Tätigkeiten attraktiver sind als die Schweiz, auch steuerlich. Dann ist es doch normal, dort eine Gesellschaft einzurichten.

Der Schweiz geht aber Steuersubstrat verloren.
Das Geld verdienen wir im Ausland, weshalb sollen wir es in der Schweiz versteuern? Bei der Ems zahlen wir aber schon überproportional – über die Hälfte – viel Steuern in der Schweiz. mehr

jsa“Man will meinen Ruf zerstören”
Bundesrat Schneider-Ammann hat kein schlechtes Gewissen. Umoralisch gehandelt habe er nicht. Er will weiter für tiefe Firmensteuern kämpfen. Das Interview.
Sirenen heulen. Feuerwehrmänner eilen in den stattlichen Berner Bau. Hier hat das Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) seine Büro. Die Mitarbeiter verlassen das Gebäude. WBF-Chef Johann Schneider-Ammann (61) wird in Sicherheit gebracht. Nach einer halben Stunde die Entwarnung: Fehlalarm. Alle können zurück ins Gebäude. Im fünften Stock empfängt der Bundesrat SonntagsBlick. Er ist angespannt, hustet, schaut in die Weite.

Herr Bundesrat, wie gut schlafen Sie?
Johann Schneider-Ammann: Fast normal. Ich gebe aber gerne zu: Ich habe schon besser geschlafen.

Seit zehn Tagen stehen Sie in der Kritik. Setzt Ihnen das zu?
Ich würde lügen, wenn ich sagte, das gehe spurlos an mir vorbei. Aber ich weiss mit Gegenwind umzugehen. Für mich ist das eine Herausforderung, der ich mich stelle.

Als Chef der Ammann Group haben Sie auf der Kanalinsel Jersey steuergünstig Firmengelder angelegt. Warum?
Es gehört zu den Zielen der Firma, für Beschäftigung zu sorgen. Sie verdiente Geld, versteuerte Geld und sie parkierte Geld als Reserve an einem steuergünstigen Ort. mehr

cerfDas Internet ist wichtiger als das Rad”
Er gilt als Vater des Internets – und hält die globale Datenbahn für die Handelsstrasse des 21. Jahrhunderts. Google-Informatiker Vinton Cerf im Interview.
Vinton Cerf (70) entwickelte 1973 ein Programm, das Computer vernetzt. In der Fachsprache heisst es TCP/IP – die Vo­raussetzung für das Internet. 1989 entstand daraus das heutige World Wide Web. Seit 2005 ist Cerf Vizepräsident bei Google. Letzte Woche besuchte der Informatiker die Schweiz.

Mister Cerf …
Vinton Cerf: Nennen Sie mich bitte Vint.

Okay, Vint, was ist der wichtigste Wert jeder Branche?
Das Internet wird immer wichtiger, weil es Unternehmen erlaubt, physische Grenzen zu überwinden.

Wichtiger noch ist das Vertrauen. Viele sind vorsichtig geworden, seit bekannt ist, dass NSA-Spione Daten im Internet einsehen.
Zu keinem Zeitpunkt übergaben wir aus freien Stücken irgendwelche Informationen an die NSA. Wir tun nur das, was das Gesetz von uns verlangt.

Der Vertrauensbruch ist aber da. Wie lässt er sich wieder reparieren?
Seit Jahren schützen wir die Privatsphäre unserer Nutzer. Wir waren die erste Firma, die den Datenfluss zwischen unseren Servern und den Computern der Nutzer verschlüsselt hat. mehr

ruehlDie neue Lady für die Wirtschaft
Die neue Economiesuisse-Direktorin hat kein Auto und keine Putzfrau. Sie postet in Coop und Migros – und tanzte Ballett.
Ja, sie könne sich glücklich schätzen, sagt Monika Rühl (50). «Ich bereue nichts, jeder meiner bisherigen Jobs hat mir gut gefallen.»

Ihr nächster, das weiss die Diplomatin, ist «eine echte Herausforderung». Ab Sommer leitet Rühl Economiesuisse – den Wirtschaftsdachverband in der Krise. Für die Wirtschaft wichtige Abstimmungen, Abzocker- und Zuwanderungs-Initiative, gingen verloren. Zu schnell kamen und gingen in den letzten Jahren die Direktoren und Präsidenten. Vorbei ist die Zeit, als der Economiesuisse-Direktor eine Art 8. Bundesrat war.

Das schlechte Image sei ihr bewusst, es schrecke sie nicht ab, sagt Rühl. Sie ist zierlich, spricht direkt, wirkt selbstbewusst, stolz. Einst tanzte sie Ballett.

Seit 2011 ist sie Generalsekretärin von Bundesrat Johann Schneider-Ammann und somit dessen engste Beraterin. Zuvor war sie persönliche Mitarbeiterin von Bundesrat Joseph Deiss. Als Diplomatin diente Rühl in New York, erlebte die Terroranschläge vom 11. September 2001 vor Ort. «Der einzige Tag, an dem ich wirklich Angst hatte.» mehr

März

chodorkowski“Ich tue alles, um Blutvergiessen zu verhindern”
Der einstige Öl-Milliardär Michail Chodorkowski über die Ukraine, sein neues Leben in der Schweiz – und die Liebe zur Musik.
Das dünne Haar ist aschgrau. Er lächelt sanft, der Händedruck aber ist kräftig. Für einen, der zehn Jahre im Gulag war, sieht Michail Chodorkowski (50) blendend aus. Mit Tochter Nastja (22) betritt er die Zürcher Tonhalle.

Dann herzt der einstige Öl-Milliardär den estnischen Komponisten Arvo Pärt (78) – es ist eine historische Begegnung . Das Zürcher Kammerorchester führt Pärts Sinfonie Nr. 4 «Los Angeles» auf. Der Este hatte das berührende Werk 2008 dem damals in Sibirien inhaftierten Chodorkow­ski gewidmet. Heute hört es der Russe zum ersten Mal. Er strahlt Ruhe und Bescheidenheit aus.

Herr Chodorkowski, was hat Ihnen im Gefängnis besonders gefehlt?
Michail Chodorkowski: Meine ­Familie – und der Austausch mit anderen. Schon im ersten Jahr merkte ich, wie sehr mir die Musik fehlte.

Sie lebten zehn Jahre ohne Musik?
Jegliche Art von Musik war im Gefängnis verboten, Tongeräte nicht erlaubt. Einst schrieb ich ins Tagebuch, ich würde nach meiner Freilassung in ­einem grossen Konzertsaal klassische Musik anhören. Wobei ich dachte, die Philharmonie in Moskau zu besuchen. Jetzt ist es halt Zürich. mehr

golovin“Wir kennen diese Soldaten nicht”
Russland-Botschafter Alexander Golovin über die Krim-Krise, das getrübte Verhältnis zur Schweiz – und die Geistersoldaten in der Ukraine.
Gediegen ruht die Berner Villa der russischen Botschaft hinter ihrem stählernen Zaun. Hausherr Alexander Golovin lädt in den Salon. «Tee oder Kaffee?», fragt der Botschafter in perfektem Deutsch, serviert Guetsli dazu. Golovin gehört zum deutschsprachigen Flügel des russischen Aussenministeriums. «Ich habe in der BRD und der DDR gelebt», sagt er. Seit zwei Jahren ist er Botschafter in Bern. Dieses Jahr sei «speziell»: Russland und die Schweiz feiern 200 Jahre diplomatische Beziehungen.

Herr Botschafter, wie gut ist das Verhältnis zwischen der Schweiz und Russland?
Alexander Golovin: Es ist ausgezeichnet! Wir arbeiten auf fast allen Gebieten eng zusammen: wirtschaftlich, kulturell, politisch, sogar militärisch.

Wirklich? Bundesrat Maurer sagte diese Woche einen dreiwöchigen Kurs für russische Gebirgsgrenadiere in Andermatt ab. Für Russland ein Affront!
Handelt es sich tatsächlich um eine Bestrafung Russlands, verstehe ich das nicht. In Andermatt werden Soldaten für die Rettung ausgebildet, nicht für Kriegseinsätze. mehr

schroeder_39“Als Hausmann würde ich mich nicht bezeichnen”
Der deutsche Altkanzler Gerhard Schröder über seinen Vertrauten Wladimir Putin, warum er lieber Macht als Geld hat – und wer ihn masslos enttäuscht hat.
Herr Bundeskanzler a. D., wie spricht man einen ehemaligen Bundeskanzler an?
Gerhard Schröder: Sagen Sie bitte einfach Herr Schröder zu mir.

Also, Herr Schröder, Sie sind ein Freund von Russlands Präsident Wladimir Putin …
… ich kenne ihn gut …

… Putin ist der einflussreichste Politiker der Welt …
… das sehe ich nicht so, das würde er sicher selbst nicht so sehen …

… er hält die Welt in Atem. Was treibt ihn an?
Ich bin doch kein Psychologe.

Dann erklären Sie ihn politisch!
Russland hat historisch begründete Ängste, eingekreist zu werden. Zudem will Russland in der internationalen Politik auf Augenhöhe sein mit den USA und anderen Mitgliedern des Uno-Sicherheitsrats. Die Entwicklung in der Ukraine schürt in Moskau weitere Ängste.

In Kiew stürzte ein Autokrat!
Aber in der neuen ukrainischen Regierung gibt es rechtsradikale bis faschistische Kräfte. Die haben als Erstes das Verbot der russischen Sprache beschlossen. mehr

April

zataari2Die Stadt der Hoffnung
Seit drei Jahren tobt der Bürgerkrieg in Syrien. Eine Ende ist nicht in Sicht. Das Zaatari-Camp in Jordanien wandelt sich vom Provisorium zur Flüchtlings-Stadt. Ein Besuch.
Es ist kalt in der Wüste. Trockener Wind wirbelt Staub und Plastikfetzen auf. Verhüllte Frauen und Kinder säumen die löchrige Strasse, die an einem Stacheldrahtzaun endet. «Willkommen im Zaatari-Camp», grüsst ein Schild. Willkommen im Chaos – und in der Stadt Hoffnung.

Zaatari: Das ist das zweitgrösste Flüchtlingslager der Welt. Hier, im kargen Norden Jordaniens, hausen 106 073 Syrer auf 3,3 Quadratkilometern Fläche. Mehr als die Hälfte sind Kinder, geflüchtet vor einem Bürgerkrieg, der seit über drei Jahren in Syrien tobt.

Sie haben fast alles zurückgelassen, fast alles verloren. Nur eines nicht – die Hoffnung. «Ja, ich will nach Syrien zurück», antworten alle auf die Frage nach ihrer Zukunft. Wann? Das weiss keiner.

Knapp 20 Monate erst gibt es das Lager. Es ist längst zur Grossstadt angeschwollen mit 40 Spielplätzen und 12 Fussballfeldern. Jede Nacht kommen gegen 800 Syrer über die 30 Kilometer entfernte Grenze. Vor wenigen Wochen waren es noch 300 gewesen. mehr

jsa_brazil“Ich bin kein Tänzer, ich bin Realist”
Der Schweizer Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann ist auf Besuch in Brasilien. Was er über Fussball denkt, und welche Hoffnungen er für die Schweizer Nationalmannschaft hegt.
Herr Bundesrat, wir reden im Land des Fussballs. Auf welcher Position spielten Sie als Knabe?
Johann Schneider-Ammann: Bei den Junioren des FC Kolibri und des FC Sumiswald war ich Flügelstürmer.

Dann schiessen Sie lieber Tore als sie zu verhindern.
Klar, ich mache gerne die Goals. Aber um zu gewinnen, braucht es die Absicherung nach hinten und den Druck nach vorn. Entscheidend ist immer das Team.

Sie spielen nicht mehr aktiv. Was bedeutet Ihnen Fussball heute?
Ich bin ein Fussballliebhaber. Gerne schaue ich mir in Ruhe ein Champions-League-Spiel an. Einmal pro Jahr schaffe ich es ins Stadion an ein Spiel. Für mich ist das sehr erholsam.

Welches ist Ihr Team?
Eine heikle Frage für einen Bundesrat. Seit ich ein Bub bin, sind die Berner Young Boys mein Team. Als kleiner Schnoderi erhielt ich ein gelbes Leibchen, auf das ich stolz war.

Und im grossen Fussball?
Ich mag den FC Barcelona. mehr

zwei_brasilienDas gespaltene WM-Land
Hier unendlicher Reichtum, dort unerträgliche Armut: In Brasilien klafft ein grosser sozialer Graben. Das bedeutet für die WM nichts Gutes.
Gabriel senkt den Kopf. Gebeugt taucht er ins Versteck unter der Brücke. Es stinkt. Netze liegen da, Boote und Angelruten dort. Über ihm röhrt die Autobahn, die den Flughafen von Rio de Janeiro mit den famosen Stränden der brasilianischen Stadt verbindet. «Wenn sie das finden, bin ich erledigt.»

Gabriel (56) ist Fischer in Rio. Täglich fährt er aufs Meer, seit 44 Jahren vom selben Ort im Complexo da Maré, eine der grössten Favelas der 11-Millionen-Metropole.

Ohne Netze, Boote und Ruten sei er niemand. Jetzt droht er sie zu verlieren. Wegen der Fussball-WM in Brasilien. Die Stadt will ihn weg haben. Zu gefährlich sei er für Touristen, die während der WM über die Brücke fahren. «Ich, gefährlich?» Er lacht. «Nur ein Ärgernis für die Fifa.»

Kein Gramm Fett liegt auf seinem Körper. Er trägt Shorts, Sandalen, eine Uhr. Graue Stoppeln spriessen im Gesicht, auf der Brust.

Nervös zieht er an einer Zigarette, schaut, ob ihn jemand beobachtet. Niemand soll sehen, dass er mit Journalisten redet. Gestern sei eine junge Frau verschwunden, nachdem sie mit Reportern sprach. «Die Narcos», vermutet Gabriel als Täter, Rios Drogenbosse. mehr

this_jenny“Der Tod ist nichts als ewiger Schlaf”
Der Glarner alt Ständerat This Jenny hat Krebs. Wie er damit lebt. Was er über das Ende denkt. Und wie die Krankheit die Liebe verändert.
Herr Jenny, heute ist Ostern, Tag der Auferstehung. Glauben Sie an eine Zeit nach dem Leben?
This Jenny: Nein. Ich gönne es aber jedem, der das tut. Für mich ist der Tod nichts als ewiger Schlaf.

Sie haben Magenkrebs. Wie viel Zeit bleibt Ihnen noch?
Werde ich nicht operiert, ein Jahr.

Wovon hängt das ab?
Ob die Chemotherapie anspricht. Das ist bei 15 Prozent der Patienten der Fall. Seit letztem Mittwoch weiss ich: bei mir hat sie angesprochen.

Das heisst, Sie werden operiert?
Nein, es besteht die Chance dazu. Am Dienstag weiss ich Bescheid. Dann spiegeln sie mir den Magen.

Wie gross sind diese Chancen?
Heute grösser als vor drei Wochen. Die Ärzte glaubten damals, dass es keine Operation geben werde. mehr

Mai

schroeder“Ich habe mich gefreut, dass Putin gekommen ist”
Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder erklärt im grossen Interview, wie der die Ukraine-Krise sieht, welche Rolle dabei die Schweiz mit Bundespräsident Didier Burkhalter spielen kann und wie Wladimir Putin so tickt.
«Zarengünstling» und «Ich-AG Schröder», «Schröders Irrfahrt», «Schröders bizarre Kumpanei», «Charakterdefizite», «Ist der Ruf erst ruiniert, feierts sich ganz ungeniert» – Herr Schröder, was geht in Ihnen vor, wenn Sie solche Kommentare lesen?
Gerhard Schröder: Nichts. Ich kenne das aus früheren Zeiten, und deswegen beeindruckt mich das nicht. Während der Auseinandersetzungen mit den USA wegen des Irak-Kriegs haben mich die gleichen Journalisten auch so heftig attackiert. Wäre es nach ihnen gegangen, hätte Deutschland im Irak gemeinsame Sache mit den Amerikanern gemacht. Ich hatte damals recht, und ich bin der Meinung, dass es heute richtig ist, mit dem russischen Präsidenten zu reden.

Viele Menschen hat Ihre Umarmung mit Wladimir Putin zumindest irritiert. War das kurz nach seiner Annexion der Krim die richtige Geste? Oder haben Sie nur nicht darauf geachtet, dass Sie nicht fotografiert werden?
Natürlich war mir klar, dabei fotografiert zu werden. Aber ich habe nichts zu verbergen, und ich werde mich auch nicht verbiegen. Seitdem ich Wladimir Putin kenne, seit mehr als 14 Jahren, begrüssen wir uns so. Das ändere ich auch nicht in schwierigen Zeiten. mehr

straumann“In die EU gehen wir erst, wenn es uns richtig dreckig geht”
Wirtschafts­historiker Tobias Straumann erklärt, warum die Beziehung Schweiz-Europa noch lange kompliziert bleibt.
Hell und hoch ist die Aula der Universität Zürich. Hier forderte Winston Churchill am 19. September 1946 die «Vereinigten Staaten von Europa». So «frei und glücklich wie die Schweiz» könne Europa eines Tages sein, sagte Churchill in seiner famosen Rede. «Da war das Verhältnis zwischen der Schweiz und Europa
bereits 500 Jahre lang schwierig», sagt Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann (48). «Eine Entspannung ist nicht in Sicht.»

Obwohl die Schweiz bereits 2016 erneut über ihr Verhältnis zu Europa abstimmen wird. «Es wird weitere Kompromisse geben», glaubt Straumann. «Das Hin und Her zwischen Distanz und Annäherung bleibt bestehen – noch während Jahrzehnten», sagt der Professor. «Ein altes Dilemma verhindert eine dauerhafte Lösung.» mehr

dougan“Ich bin frustriert!”
CS-Chef Brady Dougan beendete den Steuerstreit mit den USA – und versteht nicht, warum er jetzt gehen soll.
Hauptsitz der Credit Suisse, in Zürich. Auf dem Tisch des Sitzungszimmers steht eine volle Flasche Cola Zero. Konzernchef Brady Dougan setzt sich, schenkt Cola ein.

Mister Dougan, wie viel Bargeld tragen Sie auf sich?
Brady Dougan: Etwa 100 Franken.

Nur Franken, keine Dollar?
Meist noch 100 Dollar. (Er greift in die Hosentasche.) Aber mein Portemonnaie ist jetzt nebenan im Büro.

Sie sind Amerikaner. Welche Schweizer Bank nimmt Sie noch als Kunde?
Ich habe mein Hauptkonto bei der Credit Suisse in den USA.

Weil die CS Schweiz Sie nicht mehr will?
Wie alle anderen US-Staatsbürger muss auch ich mich strikten Vorschriften unterziehen. Deshalb sind Schweizer Banken aus dem grenzüberschreitenden US-Geschäft ausgestiegen. mehr

Juni

bortoluzzi“Das geht Sie einen alten Dreck an”
Toni Bortoluzzi über Schwule, Conchita Wurst – und ob er schon mal fremdgegangen ist.
Der Zürcher SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi (67) bezeichnete Schwule und Lesben im «Beobachter» als «fehlgeleitet». Es sei «dummes Zeug», homosexuelle Beziehungen einer Ehe zwischen Mann und Frau gleichzustellen. Zumal Letztere der Fortpflanzung und der Erziehung von Kindern diene. Gleichgeschlechtliche Paare hätten «einen Hirnlappen, der verkehrt läuft», so Bortoluzzi. Er hat damit einen Sturm der Entrüstung ausgelöst.

Herr Bortoluzzi, welches Geschlecht hat Conchita Wurst?
Toni Bortoluzzi: Das weiss ich nicht. Wurst ist ein Teil der hochgejubelten gesellschaftlichen Fehlentwicklung, die ich anprangere.

Was stört Sie am Gewinner des Eurovision Song Contest?
An der Person nichts. Jeder soll leben, wie er es für richtig hält. Mich stört aber, dass die Gesellschaft und die Politik den moralisierenden Minderheitenkult rund um Conchita Wurst gutheissen – und ihn euphorisch unterstützen.

Wurst ist schwul, trägt Frauenkleider und steht für Toleranz.
Unter Toleranz verstehe ich etwas anderes, als – wie Wurst – etwas Besonderes sein zu wollen. Er oder sie steht für gesellschaftliche Dekadenz. Solche Leute zeigen keinerlei Toleranz, wenn ich etwas öffentlich sage, was ihnen nicht passt. Es sind Moralisten, die andere Meinungen nicht tolerieren. mehr

August

island“Ich will diese Menschen finden”
Täglich fliehen Tausende Menschen übers Mittelmeer. Isländische Grenzer suchen vom Flieger aus nach Flüchtlingsbooten. Ein Bericht aus der Luft.
Farbige Punkte gleiten über den Bildschirm. Grün sind die Frachter, orange die Fregatten, gelb die Fischkutter. Es ist 13.20 Uhr, zwei Kilometer über dem Mittelmeer zwischen Sizilien und Afrika. Leutnant Arnarson entdeckt einen schwarzen Punkt – ein Schiff, das kein Radarsignal sendet. «Näher», funkt er dem Piloten. Der zieht das Turboprop-Flugzeug westwärts. «Wir schauen genau hin», sagt Arnarson. Per Joystick richtet er die Kamera auf das Geisterschiff. Flüchtlinge?

«Fischer!», entwarnt er. «Flüchtlinge bewegen sich viel sprunghafter.» Er protokolliert den Zwischenfall und starrt alsbald wieder auf den gepunkteten Schirm.

Mit Hightech lindert der Isländer menschliche Tragödien. Arnarson – den Vornamen gibt er wie alle Isländer nicht preis – steht im Dienst der isländischen Küstenwache. Diese stellt der EU-Agentur Frontex ein Flugzeug. Die Isländer suchen nach Booten, die Flüchtlinge von Afrika nach Europa bringen – eine Armada der Verzweifelten. Täglich 3000 Menschen erreichen Italiens Küste. mehr

hossli_ceuta“Was wir hier abfangen, kommt nicht in die Schweiz”
Vierzig Schweizer schützen Europas Aussengrenze. Ein Besuch in Südspanien und Nordafrika.
Der schmächtige Bursche schielt zu Boden. «Papiere, bitte!», fordert der kräftige Grenzwächter. Der Junge – kaum 20, in kurzen Hosen – schweigt, hält eine spanische Identitätskarte hoch. Sie zeigt ein fülliges Gesicht mit buschigen Brauen. Der Bursche aber hat Kanten und schmale Brauen. «Betrüger», ruft der Grenzer. Zwei spanische Polizisten führen ihn ab, verhören ihn. Kein Wort Spanisch spricht der angeb­liche Spanier. Er ist Marokkaner, seine Identität falsch.

Überführt hat ihn ein Tessiner in Ceuta, der spanischen Enklave in Afrika. «Das Gesicht hat ihn verraten», sagt Benedetto* (41). «Und er sprach nicht.»

Benedetto, den hier alle Max nennen, bewacht die Grenze Europas. Vom Mittelmeer ist Ceuta umgeben und von Marokko. 44 Tage schiebt der Schweizer Dienst für Frontex, die europä­ische Grenzschutzagentur, die «den Kampf gegen illegale Einwanderer perfektioniert», wie die «Süddeutsche Zeitung» schreibt. mehr

duke“Der Mond riecht wie Schiesspulver”
Charlie Duke ist einer von zwölf Menschen, die auf dem Erdtrabanten spazierten. Er erzählt, wie der Mond riecht – und warum er wieder zurück will.
Charlie Duke (78) landete Apollo 16 am 21. April 1972. Duke war damals 36 – und der jüngste Mann im Mond.

Mister Duke, wie hoch können Sie springen?
Charlie Duke: Auf der Erde einen Fuss.

Das sind 30 Zentimeter. Und wie hoch sprangen Sie auf dem Mond?
Etwa vier Fuss.

Das ist nicht gerade viel.
Ohne Raumanzug hätte ich sechsmal höher springen können.

Ihre Sprünge waren berüchtigt.
Einmal fiel ich auf die Nase, da brauchte es ein paar Liegestützen, um wieder auf die Beine zu kommen. Gefährlicher war es, als ich bei einem Sprung die Balance verlor und auf den Rücken fiel. Mir verschlug es den Atem. mehr

September

huffpo“Es wird alles noch schneller”
Der Däne Jimmy Maymann (43) erklärt die Zukunft des Journalismus. Der Paywall gibt der CEO der «Huffington Post» keine Chance.
Mister Maymann, wo liegt nachts Ihr Handy?
Jimmy Maymann: In Griffnähe meines Betts – also viel zu nahe.

Dann können Sie nie abschalten?
Einfach fällt mir das nicht. In irgendeiner Form bin ich immer online, manchmal etwas intensiver, dann etwas weniger.

Sie führen «The Huffington Post», eine globale Online-Zeitung. Wie kommunizieren Sie?
Meine E-Mails lese ich ständig. Das Wochenende aber gehört meiner Frau und meinen drei Kindern. Dann telefoniere ich kaum.

Lesen Sie noch Zeitungen?
Ich gehöre zur letzten Generation, die gerne Gedrucktes liest. Aber nur noch am Sonntag.

Wie informieren Sie sich sonst?
Digital! Über Apps und am Computer, selten nur am Fernseher.

Medienhäuser haben Mühe, digitale Inhalte zu verkaufen. Wann verlangen Sie dafür Geld?
Wir können uns glücklich schätzen. Von Beginn boten wir nur digitale Inhalte an. Im Gegensatz zu klassischen Medienhäusern verlieren wir keine Auflage und müssen keine Druckereien amortisieren. Wir leben von Werbung – und brauchen daher viel Publikum. Deshalb bleiben unsere Inhalte kostenlos. mehr

Oktober

schneider2“Ja, so ist das jetzt”
Krebs raubt Jörg Schneider die Kraft für die Bühne. Den Tod fürchtet er nicht.
Ein Wohnblock neben den Gleisen in Wetzikon ZH. Die Tür im vierten Stock steht offen. Jörg Schneider (79) empfängt drei Reporter. Er ist bleich. Wegen seiner Frau Romy (76) wohnt der Schauspieler hier. Seit 51 Jahren sind sie verheiratet. Sie ist querschnittgelähmt, angewiesen auf einen Lift. Jörg Schneider hatte vor, nach dem Ende seiner letzten Tournee abzutreten und sie zu pflegen. Sein Plan geht nun nicht auf. Er ist selber schwer erkrankt – und sitzt wie seine Frau im Rollstuhl.

Herr Schneider, Sie wollen nie mehr auf eine Bühne treten …
Jörg Schneider: Falsch! Ich möchte gerne wieder auf die Bühne, aber ich kann das nicht mehr.

Warum haben Sie keine Kraft?
Weil ich an einem schweren Leberkrebs erkrankt bin. Die erste Chemotherapie habe ich bereits hinter mir. Es ist gar nicht lustig.

Wie lautet die Prognose?
Der Arzt sagt, es sei schwierig. Wirkt die Chemotherapie, kann ich noch ein bisschen leben. Allzu lange wird es wohl nicht mehr hinhalten. Es steht schlimm um mich.

Eine Krebsdiagnose verändert einen. Wie haben Sie reagiert?
Im Moment war ich einfach nur leer. Dann dachte ich an meine Frau. mehr

haug“Ich gebe nie auf!”
Ein Zürcher Wein- und Milchbauer stoppt den Gubrist-Ausbau – für seine Enkel. Ein Stück über Schweizer Werte.
Ein Jahr hat 365 Tage. An 343 davon stauen sich Fahrzeuge am Gubrist durchschnittlich sechs Stunden. Kein Schweizer Flaschenhals ärgert mehr Autofahrer als der 3250 Meter lange Tunnel, der im Kanton Zürich das Limmattal mit dem Glatttal verbindet.

Entlastung brächte eine dritte Röhre. Doch sie ist in weite Ferne gerückt. Wegen Wein- und Milchbauer Hanspeter Haug (64).

Zehn Jahre stemmte sich der Gemeindepräsident von Weiningen ZH gegen das Gubrist-Projekt des Bundesamts für Strassen (Astra). Nun gab ihm das Bundesgericht in Lausanne recht. Mit weitreichenden Folgen.

Um Milliarden teurer dürften Strassenbauten schweizweit künftig werden. Statt wie einst geplant nächstes Jahr entlasten wohl frühestens 2025 sechs Spuren den Engpass am Gubrist. Bei jährlich 2058 Stunden Stau sind dies total 28 weitere Monate, während denen Autos vor dem Tunnel nonstop stillstehen.

Breitbeinig steht Bauer Haug in seinem Weinberg. Die Stadt Zürich sieht er, das Alpenpanorma und die Autobahn, die unter ihm wummert. Ein Flugzeug donnert über seinen Kopf hinweg. mehr

November

leVine“Es reicht nicht, eine Frau zu sein”
Die neue US-Botschafterin über die Kongresswahlen in Amerika, Frauen in der Politik – und wie sie sich bemüht, Barack Obama endlich in die Schweiz zu bringen.
«Stop it, Vegas», geheisst Suzi LeVine ihren Pudel. Der Hund springt in ihrer Residenz den Reporter an. An den Wänden hängen Fotos, die LeVine mit Barack Obama zeigen. Für den US-Präsidenten sammelte sie Geld. Er verdankte es ihr mit dem Amt in Bern.

Frau Botschafterin, die USA und die Schweiz sind seit 1848 Schwester-Republiken. Wie oft sehen Sie Ihre eigenen Geschwister?
Suzi LeVine: Zuletzt vor zwei Wochen in Washington. Leider sehe ich sie nur selten.

Noch nie hat ein US-Präsident die Schweiz besucht. Das ist unhöflich.
Nicht nur unsere Präsidenten sind Geschwister, sondern alle Schweizer und alle Amerikaner. Da sehen wir uns recht oft.

Bundespräsident Didier Burk­halter hat Obama im September eingeladen. Es wäre ein Affront, diese Einladung auszuschlagen.
Derzeit arbeite ich mit Mitgliedern der Schweizer Regierung und mit Geschäftsleuten auf einen Punkt hin, bei dem es Sinn machen könnte, den Präsidenten zu involvieren. mehr

afghanistan“Italien zeigt kein Herz für meine Familie”
Die italienische Migrantenkrise verschärft sich. Behörden lassen Familien fallen. Und Italiener greifen Flüchtlingszentren an.
Dünne Decken liegen auf zwei Pritschen. Schwach flimmert das Neonlicht. Tapeten blättern ab. Kalt harrt der Steinboden.

Rasool Rezai (43) holt ein Foto aus dem Schrank. Es zeigt seine Familie, als sie noch eine Familie war.

Vater, Mutter, Tochter, Sohn.

«All das ist zerbrochen», sagt er. Mehr als diesen unwirtlichen Raum in der italienischen Stadt Treni hat der afghanische Flüchtling nicht. «Wegen Fatima erdulde ich all das.» Wegen seiner Tochter. «Sonst würde ich mich wohl umbringen.»

Hier in Italien endet seine Reise. Sie beginnt vor neun Jahren mit verbotener Liebe. Rasool lacht Madine an. Ihre dunklen Augen haben es ihm angetan. Er aber ist Schiite, sie ist Sunnitin. Sein Stamm verachtet ihren Stamm seit Generationen, wie bei «Romeo und Julia».

Trotzdem heiraten sie, haben zwei Kinder. Er erntet Gemüse, sie bestellt den Haushalt. Bis sie fliehen. Zu gross ist der Hass im Dorf. mehr

Dezember

maurer_beg«Wir verstehen nicht, was genau der IS ist»
IKRK-Präsident Peter Maurer über Verhandlungen mit IS-Terroristen – und wie er seine Macht einsetzt.
Peter Maurer: Sie verhandeln direkt mit dem IS. Wie schlägt das IKRK die Brücke zu einer Gruppe, die das Völkerrecht derart missachtet?
Wir denken in anderer Logik, als Ihre Frage suggeriert. Uns interessiert nicht, ob oder wie wir mit einem Gebilde wie dem IS verhandeln. Uns interessiert, wie wir den Menschen helfen können, die in vom IS kontrollierten Regionen leben.

Wie kontaktieren Sie den IS?
Wir hatten schon vor dem IS Kontakte zur lokalen Bevölkerung, zu Stämmen und lokalen Autoritäten. Über sie versuchen wir zu verstehen, wer die Personen sind, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen.

Was bringen die Verhandlungen?
Wir wollen den Zugang zu Gebieten mit bedürftigen Menschen verbessern. Der Zugang ist uneinheitlich. Zumal es keine IS-Zentrale gibt, mit der wir verhandeln. Überall müssen wir lokale Bedingungen gesondert verstehen. Das syrische Raqa versorgen wir mit Wasser, mit Zustimmung lokaler und der syrischen Behörden und dem Syrischen Roten Halbmond. Nach Mosul und Falludscha haben wir Medikamente und andere Hilfsgüter gebracht, mit Zustimmung lokaler Behörden und von Bagdad. mehr

nw_beg“Mit Geri verbindet mich heute gar nichts mehr”
Die 33-jährige N. W. brachte den Skandal des Jahres ins Rollen – hier schildert sie, was sie antrieb.
Es ist die wohl aufregendste Geschichte des Jahres. Um Sex geht es, Macht, Politik, um Medien und Moral. Badens Stadtammann Geri Müller (54) und Studentin N.W.* (33) tauschten per Chat Nacktfotos und -videos aus. Eine Aargauer Zeitung machte es publik. Geblieben sind Fragen: Wann gehört Privates an die Öffentlichkeit? Wer hat wen wie angestiftet? Wann muss ein Politiker zurücktreten? SonntagsBlick fragte Müller und N. W. zum Jahresende je für ein Interview an. «Ich habe in diesem Jahr sehr viel Politisches geleistet», antwortete Nationalrat Müller. Zum Fall sage er nichts mehr. N.W. beantwortete Fragen schriftlich.

Frau W., Anfang 2014 waren Sie unbekannt. Jetzt redet die Schweiz über Sie. Als was soll man Sie wahrnehmen?
N. W.: Als jemanden, der einfach nur Mensch ist, der reagierte, weil ihm Unrecht angetan worden war.

Warum reden Sie mit der Presse?
Oft lehne ich Interviews ab, denn ich will mich keineswegs inszenieren. Dies wird eines der letzten Interviews zur Affäre Müller sein. Mir ging es stets darum, mit Hilfe sachlicher Beweise falsche Behauptungen aufzudecken und richtig zu stellen. Dies ist gelungen. mehr

Besten Dank an die Fotografen: Niels AckermannRemo NägeliThomas Lüthi, Philippe Rossier, Sabine Wunderlin, Peter Mosimann, Goran Basic, Gerry NitschPhilippe HublerNik HungerPascal MoraDado Galdieri, Daniel Pilar, Jorma Müller, Peter Gerber, Joseph KhakshouriSiggi BucherLuca Sola

Das ganze Jahr 2014

Top Fifteen

Zwanzig Favoriten

Zwanzig Favoriten 2014

Zwanzig Texte und Geschichten, die für mich 2014 wichtig waren.

1. “Italien zeigt kein Herz für meine Familie” – Wie Flüchtlinge in Italien leben. Reportage.

2. “Wo ist unser Geld?” – Die nachrichtenlosen Vermögen der Verdingkinder

3. Switzerland: Stolen Childhoods – Dokumentarfilm über Verdingkinder

4. “Der Tod ist nichts als ewiger Schlaf” – This Jenny im Interview

5. Die Stadt der Hoffnung – Reportage aus dem Zaatari-Flüchtlingslager in Jordanien

6. Der beste CEO der Welt – Ein Kommentar zum Comingout von Tim Cook

7. Die Schlaumeier der Credit Suisse – Kommentar zum US-Deal der CS

8. “Ich will diese Menschen finden” – Reportage über die Suche nach Flüchtlingen im Mittelmeer

9. “Ich gebe nie auf!” – Wie ein Zürcher Weinbauer den Ausbau des Gubrist-Tunnels stoppte

10. “Was wir hier abfangen, kommt nicht in die Schweiz” – Reportage über Schweizer Grenzwächter in Ceuta und Algeciras

11. Diktatoren auf der Flucht – Wo die Schergen Exil erhalten

12. “Man will meinen Ruf zerstören” – Interview mit Johann Schneider-Ammann über seine Off-Shore-Gesellschaften

13. Das gespaltene WM-Land – Reportage aus Brasilien vor der WM

14. “Putin ist ein extremer Narzisst!” – CIA-Analyst Jerrold Post über Wladimir Putin

15. Der Unfähigkeit schuldig – Ein Kommentar zum Freispruch von Raoul Weil

16. Zwischen Liebe und Zorn – Das komplexe Verhältnis zwischen Mutter und Tochter

17. “Das geht Sie einen alten Dreck an” – Interview mit SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi

18. “Ich bin frustriert!” – Interview mit CS-Chef Brady Dougan nach dem US-Deal

19. Wenn Frauen das Sagen haben – Ein Stück weibliche Mediengeschichte

20. Von Amerika lernen – Ein Kommentar über den Abschuss von MH17

… und noch etwas Persönliches. Der Kopf

Begegnungen 2014

Top Fifteen 2014

 

Top Fifteen 2014

Das  waren im abgelaufenen Jahr die meist gelesenen, 2014 publizierten Artikel auf hossli.com (An erster Stelle stand das Interview mit Mafia-Jäger Joe “Donnie Brasco” Pistone aus dem Jahre 2008)

1. Der Weg aus dem Koma – Ehemalige Koma-Patienten erzählen

2. “Das geht Sie einen alten Dreck an” – Interview mit Toni Bortoluzzi

3. “Ich will, dass dieser Krieg aufhört” – Geri Müller

4. Die Welt des Brady Dougan – Porträt über den CS-Chef

5. Das gespaltene WM-Land – Brasilien 2014

6. “Erwacht Schumi, bleiben wahrscheinlich schwere Schäden” – Düstere Prognosen für Michael Schumacher

7. “Man will meinen Ruf zerstören” – Bundesrat Johann Schneider-Ammann zu Off-Shore-Gesellschaften

8. Egoistischer Auftritt im Stadtrat – Mehr zu Geri Müller

9. Zwischen Liebe und Zorn – Das komplexe Verhältnis zwischen Mutter und Tochter

10. “Der Tod ist nichts als ewiger Schlaf” – This Jenny über Krebs

11. Geht Geri Müllers Anwalt zu weit? – Die sonderbare Nähe von Andreas Meili zu N.W.

12. “Putin ist ein extremer Narzisst” – Der CIA-Analytiker Jerrold Post über den russischen Präsidenten

13. Gratis-Werbung vom Fiesling – Wie Kevin Spacey seine IWC-Uhren in “House of Cards” platziert

14. Werbe-Krieg um Fussball-Milliarden – Guerilla-Marketing um die WM

15. “Ich tue alles, um Blutvergiessen zu verhindern” – Interview mit Michail Chodorkowski

Das sind meine persönlichen Favoriten im Jahr 2014

Meine Begegnungen 2014

Alle Artikel 2014

Der Kopf

brueckeWenn ich darüber nachdenke, ob ich noch denken kann, kann ich dann noch denken?

Die Sonne scheint. Die Luft ist klar. Zuerst kracht das Nasenbein. Dann brennt die Stirn.

Das Velo? Wo ist das Velo? Lebe ich? Die Mädchen? Mein alles?

Wie heissen Sie?, tönt es aus dem Nichts. Neben mir liegt der See. – Hossli. Peter Hossli. – Sie bluten. – Mit beiden Händen halte ich den Kopf. – Sie machen das gut, einfach nicht bewegen, es kommt Hilfe. – Die Stimme telefoniert. – Velounfall auf der Quaibrücke, Mann zwischen vierzig und fünfzig, blutet aus der Stirn, ist ansprechbar, Nein, bewusstlos war er nie. –

Fünfzig? Sehe ich aus wie fünfzig? Immerhin, ein Gedanke, ja sogar ein Witz. So schlimm kann es nicht sein.

Die Stimme spendet Trost. – Es kommt gleich jemand, halten Sie still. –

Samstag vor Weihnachten, regungslos liege ich auf der Quaibrücke in Zürich. Zuhause warten die Kinder auf frische Brötchen, ich war schwimmen im Hallenbad City. Danach würde ich eine Geschichte schreiben über Nordkorea. Und der Text von Adolf Ogi über Weihnachten muss noch autorisiert werden.

Fahre über den Bürkliplatz, halte vor dem Rotlicht, es wird grün, ich überquere die Strasse, betrachte den See, zwei Ruderinnen fallen mir auf, fahre auf dem Radstreifen. Alles korrekt.

Dann folgt die viel beschriebene Sekunde, die vieles verändert.

Ich ziehe an der Bremse. Es überschlägt mich. Falle frontal und völlig wehrlos aufs Gesicht. Zuerst klatscht die Nase auf den Asphalt. Es kracht. Der Kopf folgt. Ein Riss. Wahrscheinlich federt die Nase die Wucht des Aufpralls ab.

Jetzt ist es kalt, wie ein Embryo ziehe ich meine Beine zusammen, liege auf der Seite. Denke: immerhin bin ich frisch geduscht, wenn sie mich im Spital ausziehen.

Die Stimme ist ein Mann im hellbraunen Jogging-Anzug. Er gibt mir Sicherheit. Eine zweite Stimme kommt hinzu. – Ich bin Ärztin, kann ich helfen? – Nein, es geht, die Ambulanz ist unterwegs. –

Der Jogger ist ein Mensch, der hilft, weil ein anderer Mensch Hilfe braucht.

Die Ambulanz hält. Ein Mann und eine Frau beugen sich zu mir. Irgendwie sind ihre Kleider zu gross. – Wie heissen Sie? – Peter Hossli – Waren Sie bewusstlos? – Nein. – Wann haben Sie Geburtstag? – April 1969. – Was ist passiert? – Es hat mich nach einer Bremsung überschlagen.

Kommt alles gut, wenn ich diese Fragen beantworten kann? Kann ich denken? Wieder im See schwimmen, der neben mir glitzert?

Die Polizei ist hier. Ein älterer Mann, freundlich, sein junger Kollege, unauffällig. Kaufmann heisst der ältere, erfahre ich später. Wo wohnen Sie? – Wie lautet Ihre Telefonnummer? – Wohin wollten Sie? – Vom Schwimmbad nach Hause. – Ist jemand daheim? – Ja.

Die Sanitäter helfen mir aufzustehen, binden mich auf die Barre.

Was passiert mit dem Velo? Ist es kaputt? – Das bringen wir Ihrer Familie, sagt der Polizist. Er steckt die kaputte Brille in einen Plastiksack, zusammen mit den blutverschmierten Handschuhen. Später finde ich den Sack im Rucksack, zusammen mit der nassen Badehose, dem Handtuch, der Schwimmbrille.

Ich öffne das Portemonnaie, suche nach einer Visitenkarte, will sie dem Jogger geben. Es ist keine mehr da. – Wie heissen Sie?, frage ich, bereits auf der Barre liegend. Ich verstehe Benz. – Wie kann ich mich bedanken? – Schon gut. – Ich finde Sie. – Er joggt weiter.

Im Krankenauto. Nochmals Name, Geburtstag, Heimatort: Zeihen/AG.

Ah, Sie sind auch aus dem Aargau, sagt die Sanitäterin. – Ja, ich habe Ihren Aargauer Dialekt erkannt. – In welches Spital wollen Sie? – Uni.

Kann ich noch denken, wenn ich den Aargauer Dialekt einer Sanitäterin erkenne? Und weiss, dass das Unispital am nächsten ist?

Die Decke im Auto ist weiss. Ich heule. Warum passiert so etwas? Warum mir? Komme ich wieder zurück? Kommt die Kraft zurück? Kann ich jemals wieder denken? Schreiben? Lieben? Mit den Kindern reden, sie durchs leben begleiten.

Kann ich etwas tun?, fragt die Aargauerin. Ich heule. Es ist der Schock, sagt sie.

Es ist Angst und Trauer und Hilflosigkeit. Angst, den Kopf zu verlieren. Trauer, Menschen zu enttäuschen. Ein Mensch, der die Kontrolle braucht, hat sie nicht mehr. Ist anderen ausgliefert.

Ich kaufe deinen Kopf, nicht deinen Hintern, sagte mir Heiko beim Anstellungsgespräch.Was, wenn der Kopf jetzt kaputt ist? Habe ich noch etwas zu verkaufen?

Das Auto hält. Über mir zieht die Spitaldecke vorbei. Ärzte und Pflegerinnen schauen mich an. Ich versuche, in ihren Blicken zu erkennen, wie schlimm es um mich steht. Denke an Schumacher, habe viel über Kopfverletzungen geschrieben und deshalb einiges gelernt dieses Jahr. Versuche zu erahnen, ob Blut im Innern meines Kopfes fliesst. Das wäre nicht gut. Blutungen im Hirn.

Nehmen Sie Medikamente? Ja, Blutverdünner wegen einer Thrombose.

Sie heben mich auf ein Bett in der Notfallstation. Eine Pflegerin sticht mir in den Arm, trifft nicht, sticht erneut auf der Hand, steckt eine Infusion. Schmerzmittel fliessen.

Sie wäscht die Wunde auf der Stirn, auf der Oberlippe. Ein Arzt kommt, ein Zürcher. Was ist passiert? – Ein Scheiss. – Scheiss passiert.

Wie heissen Sie? Peter Hossli. An was erinnern Sie sich? An alles.

Also gibt es dringendere Fälle. Jetzt muss ich warten. Mit dem Telefon. Schreibe E-Mails, will Ängste nehmen und gleichzeitig möglichst lückenlos informieren. Ein SMS von Zuhause. Die Polizei hat das Fahrrad abgeliefert. Was denken die Mädchen, wenn ein Polizist das Velo von Daddy bringt, ohne Daddy?

Wir behalten Sie, sagt der Zürcher.

Ein Mail ans Büro. Hatte Unfall. Komme nicht zur Arbeit. Das Telefon klingelt. Adolf Ogi. Gestern Abend habe ich ihm per Fax einen Text geschickt, Ogi über Weihnachten, er muss ihn autorisieren. – Bin im Spital, können Sie direkt mit der Redaktion reden. – Ich diktiere die Nummer eines Redaktors.

Weil ich die Nummer noch kenne, kann ich noch denken?

Muss pinkeln, aufstehen darf ich nicht. Die Pflegerin bringt eine Flasche. Stehend pinkle ich in die Flasche. Bin erstaunt, wie viel eine Blase halten kann. Ein halber Liter.

Das Telefon klingelt, die Chefin. – Ist es das Bein? – Nein der Kopf.

Stille. Der Kopf, das ist nie gut.

Der Kopf blutet, und ich habe Angst, den Verstand zu verlieren.

Endlich, sie schicken mich ins CT. Ein Spanier oder ein Tessiner oder ein Italiener fotografiert meinen Kopf. – Nach zwanzig Minuten soll der Befund kommen.

Es dauert zwei Stunden. Immerhin: keine inneren Blutungen, die Nase ist gebrochen, der Kopf aufgerissen, Zähne abgebrochen. Die Knochen intakt.

weiche_kostAlle reden Hochdeutsch, die Pflegerin, die Schönheitschirurgin, die Unfallchirurgin, die Assistenzärztin, der Zahnarzt. Pfleger Thomas im Zimmer stammt aus Stettin in der ehemaligen DDR.

Waren jene, die am 9. Februar Ja sagten, kürzlich in Spitalpflege?

Zwei Nächte im Spital. Weiches Essen ohne Salz. Der Kopf dröhnt, die Stirn hämmert, bin schnell müde.

Die Entlassung. Polizist Kaufmann ruft an. Ich habe ihm die richtige Nummer diktiert. Er gibt mir die Handy-Nummer vom Jogger. – Rufen Sie ihn erst Mitte Januar an, er ist in den Ferien.

Das Telefon klingelt erneut. No caller Id. Es ist Adolf Ogi, will wissen wie es mir geht. Sagt, er hätte viel positives Echo gehabt auf den Weihnachtstext.

Schreiben macht müde. Aber ich will schreiben um zu sehen, ob das noch geht mit dem Schreiben.

Stolen Childhood

Back in August, I was approached by the BBC to share knowledge about the history of contract children in Switzerland, so called Verdingkinder. I pointed them to several articles I’ve written on the subject. Consequentially, they hired me as there Swiss producer. “Switzerland: Stolen Childhood” by reporter Kavita Puri premiered in early November on the BBC. It captures a horrific aspect of recent Swiss history.

Liebesgrüsse nach Moskau

burkhalter_putinRussland und die Schweiz sind gute Freunde. Es ist eine Beziehung, von der beide profitieren. Für die Schweiz ist Russland das einzige ständige Mitglied im Uno-Sicherheitsrat, mit dem es ins­titutionalisiert redet.

Für Russlands Wirtschaft ist die Schweiz lebenswichtig. Mehr als drei Viertel aller russischen Exporte sind Kohle, Öl, Gas und Metalle. 80 Prozent davon wickeln laut Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) Händler in Genf, Lugano TI und Zürich ab. Meist finanziert mit Krediten von Schweizer Banken. Schweizer Händler verkauften 2012 russische Rohstoffe für 292 Milliarden Franken.

Russland sieht die Schweiz als Brückenkopf in Europa. Neutral, nicht EU-Mitglied – ein hilfreicher Partner. Die Schweiz beschleunigte 2012 die Aufnahme Russlands in die Welthandelsorganisation. Russland lud dafür die Schweiz 2013 zum ­G-20-Treffen nach Moskau ein.

Rund 600 Schweizer Firmen betreiben Niederlassungen in Russland, darunter Nestlé, ABB, Swatch, Holcim, Roche und Novartis. 560 Firmen in der Schweiz gehören ganz oder teilweise Russen. Reiche Russen bunkern Milliarden bei Schweizer Banken. Die UBS lockt sie in Moskau, die Credit Suisse zusätzlich in St. Petersburg. Beide sind führend am russischen Kapitalmarkt.

1990 verkauften Schweizer Hersteller Uhren im Wert von einer Million Franken in die ­Sowjetunion. Heute sind es fast 300-mal mehr. Pillen für 100 Millionen Franken exportierten Schweizer Pharmafirmen 2000 in die Uralregion. Heute sind es zehnmal mehr.

Fakten belasten Russland

„• Prorussische Rebellen sagen, sie besässen keine Raketen, um ein Flugzeug auf 10000 Metern Höhe zu treffen. Anfang Woche gaben sie aber den Abschuss eines ukrainischen Flugzeugs auf 6000 Metern zu. Dafür benötigten sie jedoch die gleichen Raketen.
„• Ende Juni twitterten die Rebellen ein Bild des russischen Buk-M1-Raketensystems. Nach dem Abschuss von MH17 verschwand das Foto.
„• Augenzeugen berichten, sie hätten eine Buk-M1-Anlage gesehen: dort, wo MH 17 abstürzte. Ein Video auf Youtube zeigt, wie eine solche Anlage zur russischen Grenze gefahren wird.
„• Der ukrainische Geheimdienst hat Gespräche abgefangen. Zu hören sind Rebellen. Sie prahlen damit, einen Transportjet getroffen zu haben. Einer sagt: «Es steht aber Malaysia Airlines drauf.» Nahe liegt deshalb: Der Abschuss war wohl ein Versehen.

SonntagsBlick, 20. Juli 2014

Chodorkowski in Zürich

chodorkowski_zurichGeduldig stellten sich am Freitagabend Tausende in die Reihe, um einen russischen Oligarchen zu sehen. Die Universität Zürich öffnete ihren grössten Hörsaal für einen Vortrag von Michail Chodorkowski (51). Er war zehn Jahre im Gulag in Sibirien – und lebt heute in Rapperswil SG.

Der einstige Banker und Erdöl-Händler sprach über die unberechenbare russische Justiz. Gerichte seien nicht unabhängig, sondern der russische Präsident Wladimir Putin (61) kontrolliere sie. Mit verheerenden Folgen für die russische Wirtschaft. Unternehmer, die nicht zu Putins Kreisen gehörten, seien oft der Willkür ausgesetzt. Chodorkowski zeichnete ein düsteres der Zukunft Russlands. Die wichtigste Einnahmen des Landes – der Verkauf von Gas und Öl – seien höchstens zehn Jahre gesichert.

gysling_chodorkowskiNach dem Vortrag befragte Journalist Erich Gysing (77) den russischen Systemkritiker. Warum lebe er ausgerechnet in der Schweiz, wollte er wissen. «Nach Russland kann ich derzeit nicht», sagte Chodorkowski. «Meine Frau entschied sich, dass wir uns am besten in der Schweiz niederlassen.»

Tim Cook geoutet

tim_cookTim Cook (53) ist der Chef von Apple, dem weltweit grössten Konzern. Berühmt ist sein sanft rollender Südstaaten-Akzent, mit dem er iPhone und iPads anpreist, die iCloud und das MacBook. Über sein Privatleben schweigt der Nachfolger von Apple-Gründer Steve Jobs (1955 – 2011).

Nun haben andere für ihn gesprochen – und ihn als schwul geoutet.

Auf dem amerikanischen Fernsehsender CNBC sprachen am Freitag Journalisten in einer Live-Sendung darüber, dass es kaum Chefs grosser Konzerne gebe, die offen über ihre Homosexualität gebe. «Es gibt schwule Chefs bei grossen Firmen, ich habe versucht mit ihnen darüber zu reden», sagte  «New York Times»-Kolumnist James Stewart. «Sie zeigten mir alle die kalte Schulter.» Zudem wollte keiner namentlich zitiert werden. Worauf CNBC-Moderator Simon Hobbs einwarf: «Ist nicht Apple-Chef Tim Cook ziemlich offen schwul?» Die anderen Gästen räusperten sich und schwiegen lange. «Oh nein, war das ein Fehler?», fragte Hobbs – und erröte. Ein sichtlich peinlich Moment, hatte doch Hobbs den Apple-Chef das Recht auf Privatsphäre genommen.

Bisher sprach Cook nämlich nie öffentlich über seine Sexualität. Das Homo-Magazin «Out» führte ihn 2012 als einflussreichsten Schwulen der USA auf. Zudem setzt sich Cook aktiv ein gegen Diskriminierung.

Brazil Reader

wmVom 12. Juni bis am 13. Juli steigt in Brasilien die Fussball-Weltmeisterschaft. Eine Auswahl von Geschichten am Rand des Spielfelds.

WM in Katar – Hoffen auf Bestechung
Liegt Betrug vor, kann die Fifa Katar die WM wegnehmen. Das wäre wohl billiger als ein Winter-Turnier.

Hamburger-Brater dribbelt Konkurrenz schwindlig
Mit pfiffigen Werbespots wollen Weltkonzerne die Fussball-Fans unterhalten. Am besten macht es McDonald’s und zwar ganz ohne Stars. 9. Juni 2014

Die Macht der Spiele
Die grösste Bühne der Politik ist die Fussball-WM. Nur die Schweizer hadern damit. 8. Juni 2014

Blatter-Comics dürfen erscheinen
Fifa-Präsident Sepp Blatter liess Karikaturen verbieten. Jetzt erscheinen sie als E-Book. 8. Juni 2014

“Wunder von Bern” muss weichen
Deutschland wollte im Stade de Suisse ihr wichtigstes sporthistorisches Ereignis begehen. Wegen dem Kunstrasen geht das nicht. 6. Juni 2014

Werbe-Krieg um Fussball-Milliarden
Nur offizielle Fifa-Partner dürfen mit der WM und dem Fussballfieber in Brasilien werben. Kreativ umgehen Profiteure das Verbot. 1. Juni 2014

Fifa gibt zu: Betrug bei Länderspielen
Er war bisher geheim, ist 44 Seiten lang und er liefert erschreckende Befunde: Ein Fifa-Bericht bestätigt Manipulationen bei Länderspielen. 1. Juni 2014

USA vermiesen Credit Suisse die WM-Party
Die Grossbank muss in den USA wohl eine Milliardenbusse zahlen. Dies trübt das Sponsoring um den Fussball. 18. Mai 2014

Das gespaltene WM-Land
Hier unendlicher Reichtum, dort unerträgliche Armut: In Brasilien klafft ein grosser sozialer Graben. Das bedeutet für die WM nichts Gutes. 20. April 2014

Festung Rio
Die Kokain-Mafia ist die grösste Bedrohung für die Fussball-WM. Sie droht, Rio anzuzünden. 13. April 2014

Schweizer Schaffelle auf Tropen-Möbeln
Erstmals bewirbt der Bund während einer Fussball-Image das Image der Schweiz. An traumhafter Location in Rio de Janeiro. 13. April 2014

Schneider-Ammann spielt auf Sieg
Der Wirtschaftsminister besucht kurz vor der WM Brasilien. Er will den Handel mit dem Amazonas-Land ankurbeln. 6. April 2014

“Ich bin kein Tänzer, ich bin Realist”
Der Schweizer Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann ist auf Besuch in Brasilien. Was er über Fussball denkt, und welche Hoffnungen er für die Schweizer Nationalmannschaft hegt. 5. April 2014

“Ich google meinen Namen nie”
Zeitungen liest er auf Papier, Fussball-Spiele schaut er am liebsten im Schweizer Fernsehen, den eigenen Namen will er nie googlen, ständig hat er über 100 Interview-Anfragen: Fifa-Präsident Sepp Blatter über seine Beziehung zu den Medien – und warum er auf der Tribüne seinen Sitznachbarn auf die Nerven geht. 14. März 2014

Das findet Blatter gar nicht lustig
Ein Zeichner will Geld vom Fifa-Präsidenten. Der liess dessen Karikaturen stoppen. 15. Dezember 2013

Bis zum Anpfiff der WM 2022 sterben 4000 Arbeiter
Mies bezahlte und entrechtete Migranten bauen die Fussball-Welt in Katar. Stündlich wächst Katar um 20 Personen. Sie schwitzen für das Emirat und den Fussball. 24. November 2013

“Dank mir kam Brasilien auf die Landkarte”
Sie nennen ihn «O Rei» – den König. Er war die erste echte 10, wurde dreimal Weltmeister. Eine Begegnung mit Pelé ein Jahr vor der WM in Brasilien. 16. Juni 2013

 

 

BNP Paribas 10 Milliarden Busse

Vor zehn Tagen bekannte sich die Credit Suisse schuldig, amerikanischen Kunden beim Steuerbetrug geholfen zu haben. Sie zahlt eine Busse von 2,8 Milliarden Dollar. Was heute wie ein Schnäppchen anmutet. Die französische Bank BNP Paribas muss ebenfalls ein Schuldeingeständnis ablegen – und wohl über zehn Milliarden Franken zahlen. Das berichtet das «Wall Street Journal». Es wäre eine der höchsten Bussen der US-Geschichte. Zudem soll BNP zeitweise keine Dollar mehr von Europa in die USA überweisen dürfen. Das würde die Existenz der Bank bedrohen. Warum sind die Amerikaner so zornig? BNP Paribas soll geholfen haben, Sanktionen gegen Staaten wie Iran und Sudan zu umgehen.

Blick, 30. Mai 2014

Diplomaten kicken zum «Wunder von Bern»

wunderWenige Worte der deutschen Fussballgeschichte sind berühmter als jene von Radioreporter Herbert Zimmermann (1917–1966): «Die Ungarn erhalten einen Einwurf zugesprochen, der ist ausgeführt, kommt zu Bozsik – Aus! Aus! Aus! – Aus! – Das Spiel ist aus! – Deutschland ist Weltmeister, schlägt Ungarn mit drei zu zwo Toren im Finale in Bern!» Am 4. Juli 1954 gewann die BRD das WM-Finale gegen die hoch favorisierten Ungarn mit 3:2. Das Spiel fand im Berner Wankdorf-Stadion statt.

Das von Krieg und Hitler-Terror geschundene Deutschland ging als krasser Aussenseiter ins Spiel –und schaffte die sportliche Sensation. Dieses «Wunder von Bern» jährt sich nun zum 60. Mal. Aus diesem Anlass organisiert die deutsche Botschaft in Bern ein Länderspiel im Stade de Suisse, dort wo einst das Wankdorf stand. Der FC Nationalrat spielt am 15. Juni um 15.30 Uhr gegen eine Auswahl von internationalen Diplomaten aus jenen Ländern, die 1954 an der WM-Endrunde teilnahmen.

SonntagsBlick, 4. Mai 2014

Doris Leuthard und die Zensur

Salbungsvoll sprach Bundesrätin Doris Leuthard (50) letzte Woche an der Journalistenschule MAZ: «Ich möchte bissige Medien, welche den Finger auf wunde Punkte legen.» Zumal in einer «lebendigen Demokratie» wie der Schweiz das möglich und nötig sei. «Unsere Verfassung gewährleistet die Medienfreiheit und verbietet die Zensur.» So weit, so gut. Nur: Leuthard beschäftigt besonders bissige PR-Berater, die von ihr gegebene Presse-Interviews vor der Veröffentlichung stark verändern. Geht es ums eigene Fell, toleriert Leuthard Zensur.

SonntagsBlick, 23. März 2014

Mehr zum Thema: Wenn ein Wort nicht mehr gilt

Chodorkowski hört in Zürich Partitur von Pärt

chodorkowski_paertHistorische Begegnung gestern Abend in der Zürcher Tonhalle: Der estnische Komponist Arvo Pärt (78) und der frühere russische Öl-Milliardär Michail Chodorkowski (50) besuchten gemeinsam ein Konzert. Das Zürcher Kammerorchester führte Pärts Sinfonie Nr. 4 «Los Angeles» auf – ein berührendes Werk, das der Este 2008 dem in Sibirien inhaftierten Chodorkowski gewidmet hatte. «Als Gefangener sehnte ich mich danach, Musik zu hören», sagte Chodorkowski zu BLICK. Am Schluss liess sich Pärt auf der Bühne feiern – und gab den Applaus an Chodorkowski weiter.

Blick, 5. März 2014

Bild: Philippe Hubler | MBK IP Limited

EDA zur Krim

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten äussert sich zur Entwicklung in der Ukraine:

• Die politische Krise um die Krim hat sich im Verlauf der letzten Tage verschärft. Bundespräsident Didier Burkhalter hat heute Abend die Gelegenheit eines Treffens genutzt, als Vorsitzender der OSZE mit dem UN-Generalsekretär die Krise in der Ukraine zu thematisieren.

• Der Schweizer OSZE-Vorsitz hat für heute gegen Abend in Wien zu einer ausserordentlichen Sitzung der OSZE-Teilnehmerstaaten betreffend die Ukraine eingeladen. Darin wurden Vorschläge von OSZE-Staaten zu weiterem Vorgehen und Aktivitäten der OSZE präsentiert, unter anderem auch betreffend der Möglichkeit, die Situation in der Ukraine zu monitoren.

• Das EDA verfolgt die Ereignisse in der Ukraine seit Beginn der Krise permanent und aus der Nähe. Unter anderem wurde zu diesem Zweck auch die Schweizer Botschaft in Kiew personell verstärkt.

• Im Rahmen des Schweizer OSZE-Vorsitzes hat Bundespräsident Burkhalter einen persönlichen Gesandten für die Ukraine ernannt. Botschafter Tim Guldimann hat diese Woche in Kiew mit der Übergangsregierung und weiteren Akteuren Gespräche geführt. Es ging dabei auch um die besorgniserregende Situation in der Krim. Tim Guldimann ist daran, seine Reise in die Krim vorzubereiten.

• Bundespräsident Burkhalter hat als Vorsitzender der OSZE am 1. März alle Teilnehmerstaaten dringlich dazu aufgerufen, auf einseitige Aktionen zu verzichten und sich für einen substantiellen Dialog zu engagieren.

• Er begrüsste die Stellungnahme des UN-Sicherheitsrats, der sich kurz zuvor für die Einheit, die territoriale Integrität und die Souveränität der Ukraine ausgesprochen hatte.

• Zusätzlich zum Aufruf des UN-Sicherheitsrats an alle politischen Akteure in der Ukraine, mit Zurückhaltung vorzugehen, rief der OSZE-Vorsitzende Burkhalter alle OSZE-Staaten dazu auf, die OSZE Prinzipien einzuhalten, insbesondere jene, die in der Helsinki Schlussakte verankert sind, und sich zu einer friedlichen Krisenlösung zu verpflichten.

UBS-Präsident warnt vor Tea-Party in Europa

Von Peter Hossli

weberUBS-Präsident Axel Weber (56) warnt in Davos vor einer europäischen Tea Party. Nach den nächsten Wahlen im europäischen Parlament könnten weit mehr Anti-EU-Politiker im Parlament sitzen als bisher, sagte Weber am Mittwochmorgen am Weltwirtschaftsforum (WEF).
Zusammen mit Managern und Ökonomen diskutierte Weber über die wirtschaftliche Lage in Europa. «Es könnten etliche EU-Skeptiker gewählt werden», sagte der UBS-Präsident.

Er befürchtet eine Bewegung ähnlich wie sie die USA mit der Tea Party existiert. Diese könnte das Reagieren innerhalb der EU stark erschweren – «und die Prozesse in der EU komplizierter machen», sagt Weber. «Wahrscheinlich nicht so extrem wie in den USA – aber Europa könnte eine ähnliche Phase durchgehen wie sie die USA mit der Tea Party erlebt hatte.»

«Economiesuisse kennt kaum Schamgrenzen»

Von Peter Hossli

Mit Volksheld Wilhelm Tell reizt Economiesuisse die Volkspartei. Der Verband lanciert das Computerspiel «Superwilli». Darin ringt Tell SVPSymbole nieder. Am Ende der Odyssee stimmt er Nein zur Masseneinwanderungs-Initiative – und befreit so die Schweiz. Economiesuisse wirbt mit dem Game gegen das SVP-Anliegen. Mit linker Hilfe. «Wir sagen augenzwinkernd, dass wir den Anspruch auf Willi Tell nicht einfach preisgeben», sagt der Grünen-Nationalrat Balthasar Glättli (41) zu SonntagsBlick.

Dass Glättli sich engagiert, ärgert SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli (53): «Pfeift die Economiesuisse eigentlich aus dem letzten Loch?» Im Spiel stellen sich Affen in Tells Pfad – eine Anspielung auf Mörgelis «vom Aff bisse»-Spruch. Der nie zimperliche Mörgeli: «Schade, dass dieser Wirtschaftsverband kaum mehr Schamgrenzen kennt.

Noch kein neuer US-Botschafter in Bern

Schon «in Kürze» werde Suzi LeVine neue amerikanische Botschafterin in der Schweiz, berichtete gestern die «NZZ am Sonntag». Allzu rasch dürfte das nicht passieren. «Das Weisse Haus hat noch niemanden für diesen Posten nominiert», sagt der Sprecher der US-Botschaft zu BLICK. Selbst wenn US-Präsident Barack Obama noch im Januar eine Person nominieren sollte, erfolgt ihre Bestätigung durch den US-Senat erst im April oder sogar im Mai.

Blick, 6. Januar 2014

Begegnungen 2013

Journalismus funktioniert, wenn er am kleinen Ort die grosse Geschichte erzählt, oder aktuelle Themen mit Menschen plausibel darstellt. Das habe ich 2013 als Autor der Blick-Gruppe versucht. Grossem Dank verpflichtet bin ich all jenen Menschen, die mir ihre Zeit schenkten – und den Fotografinnen und Fotografen, mit denen ich unterwegs war.

Januar

nottwilParadies Nottwil
Gleich neben dem famosen Paraplepiker-Zentrum in Nottwil betreibt der Bund seit dieser Woche in einem unterirdischen Militärspital eine Asyl-Unterkunft. Die Gemeinde heisst die Afrikaner Willkommen.
Schnee bedeckt die Strasse, als die Schwarzen vorfahren. Der Reisecar hält am Metallzaun, der Fahrer steigt aus, öffnet die Gepäckfächer. «Verlasst den Bus! Holt euer Zeugs! Folgt mir!», geheisst er seine Fracht – 37 Afrikaner, die in der Schweiz um Asyl bitten, alles junge Männer in bauchigen Jeans, Pullovern und zu dünnen Jacken.

Einer grinst. «Hello everybody», sagt Kwaku (35), schnappt sich den Plastiksack mit seiner Habe. Er ist Ghanaer. Ein Senegalese steigt aus, ein Gambier, einer aus Guinea-Bissau – dazu 33 Nigerianer. «Ich liebe Schnee», witzelt Kwaku, trottet fröstelnd vorbei am Zaun und am dickhalsigen Wächter der Securitas, verschwindet im dunklen Loch, das in den Untergrund führt.

Seit Donnerstag leben 37 Afrikaner im unterirdischen Militärspital der Gemeinde Nottwil LU, neben dem famosen Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ). Nächste Woche kommen weitere Asylbewerber hier an, ebenso die Woche darauf – und in der Gemeinde Nottwil hat kaum jemand etwas dagegen. mehr

kandel“Wir kennen erst 5 Prozent des Gehirns”
Der renommierte US-Gehirnforscher Eric Kandel erklärt den WEF-Besuchern, warum sie sich nicht an alles erinnern.
Nicht nur Bosse und Banker reisen nach Davos. Am WEF treffen Wissenschaftler, Autorinnen und Künstler auf Politiker. Die besten Gespräche ergeben sich oft spontan. Ein älterer Herr mit bunter Fliege sitzt im Kongresszentrum, liest in einem Café eine Zeitung. «Nehmen Sie Platz», sagt Eric Kandel (83), einer der renommiertesten Neuroforscher der Welt. 2000 erhielt der Amerikaner den Nobelpreis für Medizin für seine Entdeckung bei der Signalübertragung im Nervensystem.

Herr Professor Kandel, Sie sind am Weltwirtschaftsforum …
Eric Kandel: … fragen Sie mich ja nicht, wie die Wirtschaftskrise zu lösen ist. Davon habe ich keine Ahnung. Mein Spezialgebiet sind Hirn und Erinnerung.

Trotzdem sind Sie hier. Warum?
Davos bringt sämtliche Sparten zusammen. Nur wenn alle miteinander reden, können wir die Komplexität der Welt verstehen. mehr

michael_dell_hossli“Wo sind die Jobs, die wir brauchen?”
Bereits zum 18. Mal ist der Computer-Milliardär Michael Dell in Davos. Eine kurze Begegnung auf der Strasse.
Freitagnachmittag vor dem Kongresszentrum in Davos. Wer ist das bekannte Gesicht auf der anderen Seite der Strasse? Oh ja, Michael Dell (47), Gründer und Chef von Dell Computer, dem weltweit drittgrössten Computerhersteller. Er war 19 Jahre alt, als er 1984 die Firma mit 1000 Dollar startete. Heute beläuft sich sein Vermögen auf 14,6 Milliarden Dollar. «Guten Tag, Mister Dell, haben Sie Zeit für ein kurzes Interview?» – «Natürlich, leider habe ich meinen Mantel drinnen gelassen, allzu lange halte ich es in dieser Kälte sicher nicht aus.»

Dann legen wir sofort los. Es gibt Gerüchte, dass sich Dell von der Börse zurückzieht und schon bald zu einer privaten Firma wird. Ist das wahr?
Michael Dell: Vielen Dank für diese freundliche Frage, aber dazu sage ich nichts. Gegenfrage: Benutzen Sie bei Ihnen auf der Redaktion denn Computer von Dell? mehr

vasella_hossliWaren Sie Ihr Geld wert, Herr Vasella?
Der abtretende Novartis-Präsident über seine Beziehung zu Geld, die Lust, nochmals als Arzt zu arbeiten – und warum er lieber debattiert als streitet.
Herr Vasella, was wird Novartis ohne Daniel Vasella sein?
Daniel Vasella: Die Novartis. Grosse Konzerne überleben ihre Leute, sonst sind sie falsch aufgestellt.

Schwierig wird es für Ihre Nachfolger. Wie können diese aus Ihrem Schatten treten?
Es kommt auch darauf an, wie ich mich verhalte. Schon vor drei Jahren habe ich begonnen, mich zurückzuziehen. Das war ein Prozess, bei dem der Verwaltungsrat und ich die Führungszukunft des Konzerns sicherstellten – und ich mich innerlich löste. Ich wollte nicht derjenige sein, der nie gehen kann.

Neu führen Novartis ein Amerikaner und ein Deutscher. Ist sie noch schweizerisch?
Das Management ist mehrheitlich ausländisch, ebenso die Aktio­näre und der Verwaltungsrat. Schweizerisch sind Firmensitz und Geschichte. Viele Mitarbeiter in der Schweiz sind Ausländer. mehr

Februar

nigel“Für die EU bin ich eine biblische Plage”
Grossbritannien stimmt über die EU ab – wegen Nigel Farage, sagt der radikale Vorsitzende der Unabhängigkeitspartei.
Herr Farage, Sie sind Brite, verheiratet mit einer Deutschen – eine perfekte europäische Union.
Nigel Farage: Ja, wir haben Geschlechtsverkehr für Europa!

Dabei kämpfen Sie seit 20 Jahren gegen die EU. Warum nur?
Was hat die EU für Europa getan? Nichts! Eine Gruppe ehrgeiziger, machtversessener Irrer will die Demokratie zerstören. Sie hält Europa als Geisel. Ich habe nie über die EU abgestimmt, die Deutschen nicht, die Franzosen nicht. Hat irgendjemand je darüber befunden, dass wir unsere Nationalstaaten und die Identität aufgeben? Nein.

Sie wollen Europa zerstören?
Völlig falsch. Ich liebe Europa, ihre kulturelle und sprachliche Vielfalt. Es ist für mich aber grauenhaft, ­homogenisiert, harmonisiert und sogar pasteurisiert zu werden – allein für eine europäische Identität. mehr

März

vasellaEin Symbol für alles Negative zu werden, ist schwer”
Daniel Vasella sagt, warum er in die USA gezogen ist, was er dort vorhat – und wie ihn die Empörung über die 72 Millionen Franken überrumpelte.
Herr Vasella, Sie sind in New York. Warum haben Sie die Schweiz verlassen?
Daniel Vasella: Mit dem Ende meiner Funktion als Verwaltungsratspräsident bei Novartis beginnt für mich ein neues Kapitel. Da haben meine Frau und ich auch über einen Umzug nachgedacht.

Ihr Abgang lässt vermuten, Sie hätten Ihrer Heimat den Rücken gekehrt.
Das ist nicht mein Verständnis. Ich drehe der Schweiz nicht den Rücken zu, ich nehme einen Tapetenwechsel vor.

Ihr Abgang wirkt überhastet. Wann haben Sie den Entscheid getroffen, die Schweiz zu verlassen?
Nach dem Entscheid, nicht mehr für den Verwaltungsrat zu kandidieren. mehr

odierEs gibt keine Waschmaschine für Schwarzgeld
Der Präsident der Bankiervereinigung will tiefere Boni für Banker und nur noch sauberes Geld von Kunden – dann bliebe die Schweiz ein führendes Finanzzentrum.
Monsieur Odier, Ihre Visitenkarte ist speziell. Darf ich sie sehen?
Patrick Odier: Natürlich. (Er klaubt eine Visitenkarte aus der Tasche.)

Sie ist beidseitig bedruckt. Auf einer Seite sind Sie Chef der Privatbank Lombard Odier, auf der anderen Präsident der Bankiervereinigung. Wie können Sie sich für Ihre Konkurrenten einsetzen?
Das ist einfach. Geht es der gesamten Branche gut, geht es meiner Bank gut. Habe ich beide Adressen auf meiner Karte, findet man mich schneller.

Sie sind oft in Genf zu finden. Arbeiten Banker dort sauberer als in Zürich?
Hoffentlich ist der gesamte Schweizer Finanzplatz sauber. Negative Ausnahmen gibt es, wie überall auf der Welt.

Zürcher Banker wundern sich, warum Genfer seltener ins Visier der Steuerfahnder geraten.
Das ist eine falsche Beobachtung. Derzeit sind 13 Schweizer Banken im Fokus der US-Steuerbehörden. Treffen kann es jede Bank der Welt. mehr

April

hayek“Ich will neugierig bleiben wie ein kleines Kind”
Er erzielt Rekordumsätze und spricht Klartext. Nick Hayek geisselt Regeln und huldigt Ideen – und sagt, warum er keine Komplexe hat.
Nick Hayek: Guten Tag, stört es Sie, wenn ich meine Zigarre rauche?

Zuletzt rauchte der Ölhändler Marc Rich während eines SonntagsBlick-Interviews eine Zigarre.
Dann höre ich sofort auf. Der Vergleich mit einem Rohstoffhändler gefällt mir nicht besonders.

Uns stört es nicht, wenn Sie rauchen. In welcher Sprache möchten Sie das Interview führen?
Eine andere Sonntagszeitung wollte eines auf Schweizerdeutsch machen. Das ist aber zu kompliziert.

Weil man Schweizerdeutsch nicht wirklich lesen kann?
Vielleicht. Noch schwieriger ist es, Schwiizertüütsch zu schreiben. mehr

pendelnEin Land kommt nicht zur Ruhe
Sechs von zehn Schweizern sind Pendler. Sie schlafen nicht dort, wo sie arbeiten, sehen ihre Kinder seltener, trennen sich häufiger von ihren Partnern. Aber für das idyllische Wohnen auf dem Dorf lassen sie sich den Rhythmus ihres Lebens vom Taktfahrplan bestimmen.
Ein schriller Pfiff, eine rau hallende Frauenstimme. «Gleis 18, bitte Vorsicht, der Zug fährt ab.» Hurtig hetzt ein dicklicher Mann mit zerzaustem Haar durch die offene Türe – just bevor sie schliesst. Es zieht, zuckt, ruckt, klickt. Stahl ächzt unter Fahrgestellen. Weichen quietschen. Die Lokomotive nimmt Tempo auf. Um sieben nach sechs geht es heimwärts, mit der Eisenbahn weg von Zürich. Raus aus dem Moloch.

Drinnen in den Waggons ist es eng, jeder Sitzplatz besetzt. Müde Menschen stehen in Gängen, lesen den Blick am Abend.

Längst verduftet sind Deo und Aftershave. Es riecht abgestanden, schweissgeschwängert, und es riecht nach kalten und lauwarmen Speisen, nach salzigen Chips, die einer verschlingt, nach dem eingepackten Poulet, das später als Abendessen auf dem Tisch steht. Eine junge, blasse Frau knabbert an Fingernägeln. Ihr Sitznachbar löst ein Kreuzworträtsel, trinkt dazu eine Cola. ­Leise wummert ein Musikgemisch aus Ohrstöpseln durchs gesamte Zugabteil. mehr

polenSchweizer Jobs im Silicon Valley des Ostens
Schweizer Banken müssen sparen. Die UBS entlässt Tausende. Anders die Credit Suisse. Sie verlegt Jobs nach Polen.
An diesem nassen Nachmittag trifft sich die Welt in Polen. Zürich hängt in der Leitung, dazu New York und London. Singapur hat sich eben abgemeldet. Dort ist nun Nacht. «Zeitzonen bestimmen den Rhythmus», sagt Wiktoria Jargilo. Sie leitet das Gespräch.

Sieben Personen führt Jargilo (31) im polnischen Wrocław, dem einstigen Breslau. Sie prüfen Daten von Wertschriften, die Banker der Credit Suisse weltweit handeln – in Singapur, New York, Zürich und London. «Wir helfen der Bank, besser zu werden», sagt Jargilo.

Seit 2007 arbeitet die Soziologin für die CS. Einst fing sie im Hotel Radisson Wrocław an, als eine der ersten 24 Angestellten der Credit Suisse in Polen. Heuten arbeiten hier 1700, verteilt auf vier Gebäude. Fast täglich fangen neue an. Zu einer Zeit, in der Schweizer Banken überall Stellen streichen. mehr

Mai

knuttiWarum ist es so saukalt, Herr Professor?
Seit zehn Jahren wird die Erde nicht mehr wärmer. Das sei kein Beweis dafür, dass sich der Planet nicht aufheizt, sagt ein ETH-Forscher – und ruft zum Handeln auf.
Herr Professor Knutti, können Sie schwimmen?
Reto Knutti: Selbstverständlich.

Dann waren Sie dieses Jahr schon im Zürichsee?
Nein. Der ist mir noch zu kalt.

Warum beträgt die Wassertemperatur in Zürich nur 12 Grad?
Weil die letzten Wochen ein bisschen kälter waren als im Schnitt.

Ein bisschen kälter? Es ist Pfingsten – warm war es 2013 noch nie!
Tatsächlich ist es eher kalt. Zum Durchschnitt gehören Ausschläge nach oben und unten. 2007 war der April etwa fünf Grad zu warm.

Schon an Ostern war es frostig, der März an gewissen Orten in Europa so kalt wie seit 100 Jahren nicht mehr. Wie nennen Klimaforscher diese neue Eiszeit?
Es gibt keine neue Eiszeit. Die Erde wird gesamthaft wärmer. Das zeigt uns der langfristige Durchschnitt. mehr

Juni

edmondsStahl für 2500 Eifeltürme
Stahl ist ein zentraler Rohstoff für die Welt. Viel wird in der Schweiz gehandelt. Stahlhändler Philip Edmonds warnt das Land, ihre Trümpfe als globale Drehscheibe zu verspielen.
Herr Edmonds, Sie handeln jährlich mit 20 Millionen Tonnen Stahl…
Philip Edmonds: …letztes Jahr waren es 18 Millionen Tonnen. Es ist Stahl sowie Rohmaterial, um Stahl herzustellen: Eisen, Kohle, Ferro­legierungen und Schrott.

Wie viele Eiffeltürme könnte man damit bauen?
Er wiegt 7000 Tonnen. Wir handeln pro Jahr also mit Stahl und Roh­material für rund 2500 Eiffeltürme.

So viele Türme braucht keiner. Wozu braucht es Stahl?
Es ist einer der wichtigsten Rohstoffe der Welt. Fast alles hängt davon ab: Ihr Haus, Ihr Auto, Ihr Büro, die Möbel, auf denen Sie sitzen, und Ihr Essbesteck, sogar unsere Energie.

Rohstoffhändler wissen selten, woher die Ware kommt. Und Sie?
Selbstverständlich. Stahl unterscheidet sich von anderen Rohstoffen. Er kommt nicht im Boden vor, man stellt ihn her. Wer Stahl kauft, will wissen, wer ihn herstellt. mehr

pele“Dank mir kam Brasilien auf die Landkarte”
Sie nennen ihn «O Rei» – den König. Er war die erste echte 10, wurde dreimal Weltmeister. Eine Begegnung mit Pelé ein Jahr vor der WM in Brasilien.
Auf den König muss selbst der CEO warten. Es ist kurz nach Mittag, ausserhalb der brasilia­nischen Metropole São Paulo.
Nervös wippt Thomas Schmall mit seinen ledernen Schuhen. Er leitet Volkswagen do Brasil, gebietet über 24 000 Angestellte. Jetzt hat er sich zu gedulden, weil der König verspätet ist.

Der König? Das ist Pelé, der grösste Fussballer aller Zeiten.

Dreimal war er Weltmeister mit Brasilien, erzielte 1281 Tore, war die erste echte 10. Zudem schaffte er eine Karriere nach der Karriere, als Geschäftsmann, als Minister, der Korruption bekämpfte, als Schauspieler, der Nazis besiegte. Sogar einen Roman schrieb er. Ihm gelang, was Fussballern nach dem Rücktritt oft misslingt: Pelé stürzte nie ab. mehr

hossli_steinbrueckVom Ross gefallen
Deutschland im Wahlfieber. Unterwegs mit einem Kandidaten, der einst begeisterte und heute nörgelt.
Der Kampf gegen den Schlaf ist so eine Sache. Autofahrer dürfen ihn nie verlieren. Und ein Kandidat fürs deutsche Kanzleramt? Auf den unablässig Kameras zielen? Der muss gegen müde Augen und schwere Glieder kämpfen – und hoffen, dass es keiner merkt.
Peer Steinbrück (66) gelingt das an diesem Mittwochabend recht gut, zumindest anfänglich.

Er sitzt in der vordersten Reihe im Atrium des Willy-Brandt-Hauses, Parteizentrale der SPD. Vor ihm lesen zwei Schauspieler aus Briefen, die Günter Grass (85) und Willy Brandt (†78) einander einst schrieben – anspruchsvolle Kost.

Steinbrück und Grass sollen später darüber palavern. Jeder Stuhl ist besetzt, selbst am Boden hocken Menschen, schlürfen Orangensaft und Prosecco. «Eine tolle Kombination: Grass, der Literat, gegen Steinbrück, den kalkulierenden Denker», sagt eine ältere Frau. «Ich bin wegen beiden hier.» mehr

Juli

berchtold_hossli“Ich bin kein Radau-Bruder”
Der schillerndste CS-Banker geht. Walter Berchtold über den Finanzplatz, Benzingeruch, seine Aussagen vor US-Gericht – und warum er Konzernchef der Credit Suisse werden wollte.
Letzten Sonntag verliess Walter Berchtold (51) die Credit Suisse. 31 Jahre lang arbeitete er für die Grossbank, als Händler, Vermögensverwalter, CEO der Abteilung Private Banking. Von 2006 bis 2011 trug er die Verantwortung für das heikle Geschäft mit US-Kunden. Zuletzt galt er als Favorit für das Amt des Konzernchefs. Im November gab die CS den Umbau der Bank bekannt. Für den «schönen Walti», wie er in der Branche heisst, hatte es keinen adäquaten Platz mehr. Der Banker kündigte.

Herr Berchtold, sind Sie der gescheiteste Banker der Schweiz?
Walter Berchtold: Nein, ganz sicher nicht. Warum bloss?

Sie reisten in die USA, packten vor Gericht aus – und sicherten sich Straffreiheit. Ziemlich klug!
Bei einer Einreise in die USA erhielt ich die Weisung, als Zeuge auszusagen. Wer eine solche Aufforderung erhält, sollte sie befolgen. Sonst ist er rasch zur Fahndung ausgeschrieben. Das wollte ich verhindern. mehr

martullo_hossli“Abkommen mit China bringt fast nichts”
Ems-Chefin Magdalena Martullo attackiert Bundesrat Schneider-Ammann – und erklärt das China-Geschäft ihres Konzerns.
Vor acht Tagen unterzeichnete Bundesrat Johann Schneider-Ammann in Peking ein Freihandelsabkommen mit China. Mit dabei waren 30 Chefs bedeutender Schweizer Firmen. Eine fehlte: Magdalena Martullo (43), CEO der Ems-Gruppe. «Ich reiste nicht nach China, weil wir wenige Vorteile erhalten», sagt sie. «Das Abkommen mit China bringt Ems praktisch nichts.»

Von Zöllen befreit seien einzig herkömmliche Kunststoffe, nicht aber hochwertige Polymere, bei denen Ems weltführend ist. «90 Prozent unserer Exporte nach China werden durch das Abkommen nicht begünstigt.» Dass ausgerechnet sie kaum profitiert, sei «etwas frustrierend», so Martullo. «Zumal ich mich sehr dafür eingesetzt habe.» Wie kam das? «Die chinesischen Unterhändler waren wohl besser vorbereitet als die Schweizer», sagt Martullo. «China will sich auf dem Gebiet weiter entwickeln, wo wir stark sind, deshalb bleiben die Zölle.» mehr

ews_jet2“Ruhig wird es wohl erst, wenn ich nicht mehr Bundesrätin bin”
Die Finanzministerin spricht über ihre Fehler, wie es im Fall USA weitergeht – und was sie von Edward Snowden hält.
Frau Bundesrätin, was machen Sie gegen Flugangst?
Eveline Widmer-Schlumpf: Nichts, ich fliege gern.

Wir landen in Moskau, wo Edward Snowden auf dem Flughafen lebt. Was halten Sie von ihm?
Er ist eine widersprüchliche Figur. Zum einen wehrt er sich dagegen, dass Daten überwacht werden. Zudem fordert er mehr Datenschutz. Nun sucht er Zuflucht in einem Land, wo Menschenrechte und Datenschutz nicht immer im Vordergrund stehen.

Er machte das US-Spähprogramm publik. War das richtig?
Es ist wichtig, dass der Terrorismus bekämpft wird. Der Zweck heiligt gewisse Mittel. Es ist jedoch fragwürdig, wenn ein Land ein anderes ohne dessen Wissen flächendeckend überwacht. Selbst bei der Terrorbekämpfung braucht es Regeln. Diese Regeln müssen von allen eingehalten werden. mehr

ews_kremlMit Not-Schoggi am Gipfel der Mächtigen
Moskau Retour – mit Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf am G-20-Treffen in Russland.
Der Weg nach Moskau beginnt vor den Lauben. Mitten in der Berner Altstadt steigt Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf (57) um 7.16 Uhr in einen Minivan. Ihre Akten schleppt sie selber ins Auto.

Über den fast herbstlichen Nebel redet sie auf dem Weg zum Flughafen in Belp. Erzählt, wie ihre Kinder gerne Gemüse assen, jedoch selten Schokolade. Der Van hält vor dem Bundesratsjet, einem dreistrahligen Falcon 900EX, Baujahr 2008. Zuvor flog ihn Fürst Albert II. Im Frühling erwarb ihn der Bund von Monaco für 35 Millionen Franken.

Heute fliegen ihn zwei Schweizer Militärpiloten nach Moskau – an Bord die Bundesrätin. Sie nimmt am Treffen der 20 wichtigsten Finanzminister teil. Zwei Mitarbeiterinnen begleiten sie, ein Reporter. mehr

September

lampe“Mir ist ziemlich egal, wer Kanzler ist”
Der neue deutsche Botschafter Otto Lampe ist seit einer Woche im Amt. Er redet über das Verhältnis zwischen Deutschland und der Schweiz und die Bundestagswahl.
Grüezi Herr Botschafter, wie gut ist Ihr Schweizerdeutsch?
Otto Lampe: Schweizerdeutsch ist bei mir leider nicht vorhanden.

Und Französisch und Italienisch?
Mein Italienisch ist verschwunden. Französisch werde ich im Privatunterricht verbessern – um bei Auftritten in der Westschweiz keinen schlechten Eindruck zu machen.

Ihr Vorgänger Peter Gottwald ist mit einer Schweizerin verheiratet. Und Ihr Bezug zur Schweiz?
Eine Schweizer Ehefrau kann ich nicht bieten. Für Peter Gottwald war das sicher ein Vorteil, da er mit einem halben Bein in der Gesellschaft des Gastlands verwurzelt ist. Meine Frau ist Portugiesin. In meiner Zeit in Lissabon hatte ich einen ähnlichen Standortvorteil. mehr

levy“Deutschland ist ein Oberlehrer-Land”
Dani Levy war der Peperoni in «Motel», drehte rührende Komödien über die Liebe und bissige über Hitler. Sein Wahl-Film wäre gespickt mit verklemmter Erotik.
Wegen der Kunst kam Dani Levy einst nach Berlin. Geblieben ist er wegen der Liebe – seit nunmehr 33 Jahren. «Berlin ist noch immer irgendwie schizophren – ein toller Nährboden für Kultur», sagt der Schweizer Regisseur.

Locker hockt er auf einem Ledersofa, trägt jugendliche Kleider, wirkt jünger als seine 55 Jahre. Sein Büro liegt in einem mächtigen Haus an der Kurfürstenstrasse. Einst war das Standesamt hier, früher eine Bank, heute eine Filmfirma.

Ein Poster von Charlie Chaplins «The Great Dictator» hängt an der Wand, auf dem Boden stehen Plakate von Levys bekanntesten Werken –  «Du mich auch», «I Was on Mars», «Alles auf Zucker!». Es sind Komödien, in denen Levy mal liebevoll, mal bissig mit der Welt abrechnet.

Wie hiesse denn seine Komödie über den bald endenden deutschen Wahlkampf 2013? Levy überlegt lange, sicher eine Minute – und sagt dann: «Die schwarze Dahlie». mehr

spreng_hossli“Auf die Deutschen kommen nach der Wahl teuere Überraschungen zu”
Politberater Michael Spreng (65) glaubt an einen Wahlsieg von Angela Merkel und geht hart ins Gericht mit den deutschen Parteien.
Herr Spreng, wer regiert Deutschland nach dem 22. September?
Michael Spreng: Auf jeden Fall Angela Merkel. Die Frage ist nur, mit wem.

Welche Koalition erwarten Sie?
Die beiden grossen Stücke sind verteilt. Es findet nur noch innerhalb der Lager ein Austausch statt, zwischen SPD/Grünen/Linken und CDU und FDP. Für Schwarz-Gelb könnte es knapp reichen.

Merkel scheint die grosse Koalition zu wollen, um die SPD in der Europa-Frage einzubinden.
Ja, die CDU hätte gerne eine grosse Koalition. Das ist für sie leichter. Die SPD ist verlässlicher als die FDP, sie hat alle einschneidenden Reformen mitgetragen.

Was macht dann Steinbrück?
Er geht in den Ruhestand. mehr

eichstaettWo Deutschland funktioniert … und wo nicht
Es gibt Sieger und Verlierer in Deutschland. In Bayern liegt der Landkreis mit der niedrigsten Arbeitslosenrate, in Brandenburg stehen am meisten Deutsche auf der Strasse. Zwei Besuche.
Eichstätt in Bayern. Die Sonne scheint. Aus Backstuben dringt der Duft frischer Brötchen. Kinder eilen zur Schule, vorbei an rüstigen Rentnern. «Grüss Gott», grüssen sie sich auf dem Marktplatz. Die Metzgerin nennt jede Kundin beim Namen. Mittags servieren Kellner in den Biergärten Haxen und Kraut.

Ein Idyll? Hier in Eichstätt liegt das deutsche Paradies.

Nirgends funktioniert das Land so gut wie in der bayerischen Kleinstadt mit 14 000 Einwohnern. Bloss 1,1 Prozent Arbeitslose sind bei der Agentur für Arbeit gemeldet. «Es ist europaweit oder sogar weltweit die niedrigste Quote», sagt Oberbürgermeister Andreas Steppberger (36). Er betont: «Wir hatten schon 0,9 Prozent.» Seit 40 Jahren sei Arbeit bei Wahlen nie ein Thema. mehr

deutschlandEine Kurze Begegnung mit Deutschland
Rund 61,8 Millionen Deutsche bestellten am 22. September den Bundestag neu. Eine kurze Begegnung mit Deutschland im Herbst 2013.

Eine gute Koalition – Ein Kommentar zur Bundestagswahl 2013

Abgang der Verlierer – und Angela Merkel auf Brautschau

Mutti ist die Beste – Die Wahlnacht

Schluss-Spurt – Ein Tag vor der Wahl

Wo Deutschland funktioniert… und wo nicht – Eine Doppelreportage aus den Landkreisen mit der höchsten und der niedrigsten Arbeitslosigkeit

Wirtschaftswunder “Made in Germany” – Ein Besuch im bayerischen Speckgürtel um Ingolstadt

“Auf die Deutschen kommen nach der Wahl teure Überraschungen zu” – Interview mit Politikberater Michael Spreng

November

vogtWarum hört niemand auf diesen Arzt?
Herzchirurg Paul Vogt hat eine sichere Methode gegen Wundinfektionen entwickelt, die Leben rettet.  Schweizer Kollegen ignorieren sie – wegen Neid und Profitdenken.
Um zu überleben, blieb nur das Skalpell. Dora Büeler-Rich­heimer liess sich im Juli 2012 am Herz operieren. Chirurgen des Universitätsspitals Zürich ersetzten eine ihrer vier Herzklappen, reparierten eine andere. Zudem legten sie ihr zwei Bypässe. Der Befund nach dem Eingriff: Alles ging gut.

Heute ist Dora Büeler (68) «sehr wütend», ihr Körper überzogen von tiefen Spuren einer Tortur, der Rücken vernarbt, das Gewebe labil. Schmerz trübt ihr Dasein.

Bakterien haben sie beinahe getötet. 90 Tage nach der vermeintlich erfolgreichen Herzoperation floss plötzlich Eiter aus der Narbe. Just wies ihr Hausarzt sie in die Zürcher Klinik Im Park ein. Der jetzige Befund: Ein schlimmer Infekt mit kompletter Zerstörung des Brustbeins. mehr

dohaBis zum Anpfiff der WM 2022 sterben 4000 Arbeiter
Mies bezahlte und entrechtete Migranten bauen die Fussball-Welt in Katar. Stündlich wächst Katar um 20 Personen. Sie schwitzen für das Emirat und den Fussball.
Es regnet in der Wüste. «Erstmals seit ich in Katar bin», sagt Budalama, ein hagerer Kerl aus Nepal. Knapp zwölf Quadratmeter Fläche hat sein fensterloser Schlafraum, von dessen vergilbter Decke Wasser in eine Schale tröpfelt. Ist sie voll, schüttet er sie im Hof aus.

Seit 18 Monaten lebt Budalama in Katar, dem Emirat am Persischen Golf. Er ist Gastarbeiter, wie die sieben Nepali, mit denen er das karge Zimmer teilt. Vier Stockbetten stehen auf dem Boden, belegt mit dünnen, zerrissenen Matratzen. Ein Horrorfilm läuft am Fernseher.

Weil es regnet, faulenzen sie. Sonst schuften die acht Nepali auf der weltweit grössten Baustelle. Bis zur Fussball-WM 2022 ent­stehen in Katar Bauten für rund 225 Milliarden Franken – Stadien, Schienen und Strassen, Shopping-Malls und Wolkenkratzer. Daran verdienen Baukonzerne aus China, Saudi-Arabien und aus Europa. mehr

Dezember

peter_aljazeeraHallo, das ist Al Jazeera
Als der Nachrichtensender Al Jazeera 1996 auf Sendung ging, erschraken die arabischen Machthaber, die Menschen auf der Strasse jubelten. Heute kann es Al Jazeera mit der BBC und CNN aufnehmen. Im Hauptquartier in Doha arbeiten Journalisten aus über 60 Ländern – dank Petrodollars unter traumhaften Arbeitsbedinungen.
Es ist kalt in der Wüste. Mit einem Halstuch schützt sich Carlos Van Meek vor der rauen klimatisierten Luft. «London, hört ihr uns?», beginnt er die Sitzung, sein Akzent ist amerikanisch. «Wir haben zwei Bomben in Beirut, wer dahinter steckt ist reine Spekulation.»

Es ist 13 Uhr in einem Aussenquartier von Doha, im Emirat Katar am Persischen Golf. Straff führt Tagesleiter Van Meek, 45, die mittägliche Konferenz beim Nachrichtensender Al Jazeera English. Per Videoschaltung dabei sind Kollegen aus London und Sarajevo. Hoch ist das Tempo der Sitzung, ebenso die Konzentration. Im Nu berichtet Van Meek, was bekannt ist. Beirut. 22 Tote, darunter Irans Kulturattaché. Vermutlich Autobomben. mehr

hossli_jsa“Meine Religion ist die Natur”
Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann redet am Kamin über seinen Glauben, was er in Asien gelernt hat, schlaflose Nächte – und warum sich die Unternehmer um Politik kümmern müssen.
Schnee fällt in Saanenmöser BE. Kurz nach 10 Uhr am Stephanstag. Bundesrat Johann Schneider-Ammann (61) parkiert seinen Audi Quattro vor dem Hotel Les Hauts de Gstaad. In der Kaminbar setzt er sich ans Feuer, bestellt einen Latte Macchiato. Hier im Berner Oberland verbringt der Wirtschaftsminister die Tage zwischen den Jahren.

Herr Bundesrat, wie gut essen Sie mit Stäbchen?
Johann Schneider-Ammann: Für einen Westler nicht schlecht. Als Geschäftsmann lernte ich es in Japan und China. Habe ich aber richtig Hunger, esse ich lieber mit der Fondue-Gabel.

Sie reisten 2013 mehrmals nach Asien. Was haben Sie dort gelernt?
Geduld. Früher lernte ich es bei Geschäftsleuten in Japan, jetzt bei chinesischen Politikern. In Asien braucht es Zeit. Man sagt nicht einfach Ja oder Nein.
Lösungen müssen sich entwickeln. Es ist ein Prozess, bei dem oft nicht klar ist, wo dieser gerade steht. mehr

Top Fifteen 2013

Fünfzehn Favoriten

Alle Artikel von 2013

Fotos:  Thomas Lüthi, Jorma Müller, Daniel Winkler, Stefan Falke, Sabine Wunderlin, Daniel Kellenberger, Robert Huber, Jacek Pulawski, Samuel Trümpy, Gustavo Manoel, Thomas Grabka, Olga Kravets, Daniel Rihs, Maria Schiffer, Katarina Premfors, Remo Nägeli

Fünfzehn Favoriten

Fünfzehn Texte und Geschichten, die für mich 2013 wichtig waren.

1. Get Real!

2. Vom Ross gefallen

3. Schweizer Gemüse kommt aus Afrika

4. Ein Land kommt nicht zur Ruhe

5. iLove you

6. Hallo, das ist Al Jazeera

7. “Vollständige Vernichtung”

8. Bis zum Anpfiff der WM 2022 sterben 4000 Arbeiter

9. Koalitions-Kauderwelsch

10. Warum ist es so saukalt, Herr Professor?

11. Wo Deutschland funktioniert … und wo nicht

12. “Für die EU bin ich eine biblische Plage”

13. Bye-Bye SwitzerlandMehr Demut, weniger Zorn | “Ein Symbol für alles Negative zu werden, ist schwer”

14. Gutzwiller und der Jolie-Test – was läuft da?

15. Bettgelfüster in Berlin

… und das waren die am meisten gelesenen Artikel von 2013.

Begegnungen 2013

Alle Artikel 2013

Top Fifteen 2013

Das  waren im abgelaufenen Jahr die meist gelesenen, 2013 publizierten Artikel auf hossli.com (Ja, die Real-Doll-Reportage steht wie jedes Jahr seit 2004 auf Platz 1)

1. Wenn ein Wort nicht mehr gilt

2. Chronologie einer Berichtigung

3. Für die EU bin ich eine biblische Plage

4. Schweizer Jobs im Silicon Valley des Ostens

5. Ich bin kein Radau-Bruder

6. Paradies Nottwil

7. Waren Sie ihr Geld wert, Herr Vasella?

8. Ein Land kommt nicht zur Ruhe

9. Bis zum Anpfiff der WM 2022 sterben 4000 Arbeiter

10. Die Amerikaner wissen längst alles

11. Bye-Bye Switzerland

12. Warum ist es so saukalt, Herr Professor?

13. “Ein Symbol für alles Negative zu werden, ist schwer”

14. Viagra für Frauen – der Durchbruch

15. The Assassination

… und das sind meine Favoriten von 2013.

Begegnungen 2013

Alle Artikel 2013

 

 

Mein “guter Freund” Mandela

mandelaNikolaus Senn gewährte der Berner Zeitung im Juli 2012 ein längeres Interview. Der ehemalige Präsident der Generaldirektion der Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG) bezeichnete darin Nelson Mandela als «guten Freund».  Senn: «Er hatte eine ganz klare Vorstellung davon, was in Südafrika zu tun ist. Ich hätte zwar nicht alles unterschrieben, was er entschieden hat. Aber das war seine Sache und die Sache der Südafrikaner. Über alles gesehen hat er aber viel getan für die Öffnung des Landes.»

Die Aussagen stehen im Kontrast zu einem Interview, das Senn vor dreissig Jahren dem Journalisten Fredy Hämmerli gewährte. Das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» publizierte es am 1. Januar 1983. Es gewährt einen tiefen Einblick in die Denkweise von Schweizer Wirtschaftsführern, die in Südafrika Geschäfte tätigten.

Da das Interview online nicht greifbar ist, publizieren wir hier Auszüge:

Bilanz: Südafrika steckt in einer wirtschaftlichen Krise. Wie beurteilen Sie seine ökonomische Zukunft?
Senn: Kurzfristig durchläuft Südafrika eine ausgesprochen schwierige Periode. Mit einem Aufschwung rechnen auch die Südafrikaner selbst bestenfalls für 1984. Mittelfristig bleibt Südafrika aber eines der interessantesten Länder überhaupt. Es ist mit allen Rohstoffen ausser Erdöl gesegnet. Öl können die Südafrikaner bereits zu einem grossen Teil durch verflüssigte Kohle ersetzen. Zudem profitieren sie von einer sehr liberal geführten Wirtschaft. Insgesamt gebe ich Südafrika also ausgesprochen gute Chancen.

Bilanz: Wie beurteilen Sie die politischen Aussichten einer weissen Regierung?
Senn: Die «kleine Apartheid», die physische Rassentrennung ist am Verschwinden. Die «grosse Apartheid», die volldemokratische Lösung «one man – one vote» wird jedoch noch lange auf sich warten lassen. Aber die Rassenprobleme werden überhaupt nie ganz zu lösen sein. Es handelt sich um eine ganz natürliche menschliche Erscheinung, die überall – selbst in den USA – existiert und von der wir auch nicht ausgenommen sind.

Bilanz: Macht es für Sie einen Unterschied, dass der Rassismus in Südafrika Gesetz ist?
Senn: Diese Gesetze sind im Abbau. In den nächsten Jahren wird auch der «immorality act» verschwinden, der eine gemischtrassige Ehe verbietet.

Bilanz: Die politische Diskriminierung der schwarzen Mehrheit wird dadurch aber nicht beseitigt.
Senn: Die «grosse Apartheid» wird in Südafrika tatsächlich noch auf weite Sicht existieren. Die weissen Südafrikaner haben ihr Land während fast 450 Jahren zu einem reichen Agrar- und Industriestaat aufgebaut. Wenn ich in Südafrika leben würde, wäre ich auch nicht bereit, die Zügel aus der Hand zu geben. Sonst wäre Südafrika schon bald so weit wie Sambia, das am Verarmen ist. Zimbabwe, das vor dem Bürgerkrieg steht, oder Mozambique, das praktisch devisenmässig von Südafrika lebt. Ein Zustand, den die Südafrikaner nicht akzeptieren wollen.

Bilanz: Die Rockefeller-Stiftung, die ja keineswegs links steht, hält einen Machtwechsel für wahrscheinlich und empfiehlt darum, schon heute die Kontakte zu schwarzen Führern der Zukunft zu intensivieren.
Senn: Das sind rein theoretische Überlegungen, die nicht aus der Kenntnis des Landes und seiner Verhältnisse entspringen. «One man – one vote» ist für mich keine Weltreligion. Ein politisches Urteil abzugeben, ist im übrigen nicht Sache der Schweizer Banken und der Schweizer Wirtschaft, sondern wenn überhaupt, der politischen Instanzen. Diese basieren aber auf dem Grundsatz der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder. Warum sollte die Wirtschaft anders handeln? Wir dürften mit 2/3 der Welt keinen Handel mehr pflegen, wenn wir überall unseren eigenen politischen Wertvorstellungen verwirklicht sehen wollen.

Bilanz: … Ist es angebracht, in einem politischen Spannungsgebiet wie Südafrika ähnliche Risiken einzugehen?
Senn: In Südafrika haben wir noch nie einen Rappen verloren. Nun kann man natürlich sagen, dass sei Übermorgen vorbei – aber das hat man schon vor 15 Jahren behauptet.

Bilanz: Besteht nicht die Gefahr, dass die Schweizer Wirtschaft in Afrika ganz allgemein boykottiert wird, weil die Schweizer Banken so intensive Kontakte zu Südafrika pflegen – ein Boykott, der vor allem die Exportindustrie treffe müsste?
Senn: Solche Boykott-Drohung sind leere Sprüche. Ohne Südafrika würden alle Staaten südlich der Sahara am Hungertuch nagen.

Bilanz: Haben Sie keine Hemmungen, Anleihen von Unternehmen aufzulegen, die in Südafrika strategische Bedeutung besitzen? Ich denke dabei etwa an die Escom, die auch für Teile des südafrikanischen Nuklearprograms verantwortlich ist.
Senn: Auch das Gold, die Eisenbahnen oder die Ölindustrie sind strategische Bereiche. Die Waffenausfuhr ist schweizerseits ja untersagt. Alle übrigen Wirtschaftsteile sind primär industrieller, zivilen Natur. Wollte man diese Wirtschaftsbeziehungen unterbinden, so müsste konsequenterweise gegen alle Länder der Boykott verhängt werden, die nicht unseren Menschenrechtsvorstellungen entsprechen.

Eine kurze Begegnung mit Deutschland

audiRund 61,8 Millionen Deutsche bestellten am 22. September den Bundestag neu. Eine kurze Begegnung mit Deutschland im Herbst 2013.

Eine gute Koalition – Ein Kommentar zur Bundestagswahl 2013

Abgang der Verlierer – und Angela Merkel auf Brautschau

Mutti ist die Beste – Die Wahlnacht

Schluss-Spurt – Ein Tag vor der Wahl

Wo Deutschland funktioniert… und wo nicht – Eine Doppelreportage aus den Landkreisen mit der höchsten und der niedrigsten Arbeitslosigkeit

Wirtschaftswunder “Made in Germany” – Ein Besuch im bayerischen Speckgürtel um Ingolstadt

“Auf die Deutschen kommen nach der Wahl teure Überraschungen zu” – Interview mit Politikberater Michael Spreng

“Deutschland ist ein Oberlehrer-Land” – Regisseur Dani Levy denkt sich einen Film über Deutschland aus

“Unsere wichtigsten Themen sind nicht auf dem Schirm von Frau Merkel” – Der Versuch des Schweizers Botschafter in Berlin, über die Wahlen zu reden

Bettgeflüster in Berlin – Warum der Schweizer Botschafter in Berlin Privates und Berufliches nicht vermengen sollte

“Mir ist ziemlich egal, wer Kanzler ist” – Der neue deutsche Botschafter in Bern über die Wahl und das deutsch-schweizerische Verhältnis

Siegerin ist Merkels Kette – Betrachtungen zum TV-Duell

Schröder weggeschnitten – Wie ein Altkanzler an einer SPD-Veranstaltung aus einem Bild fiel

Vom Ross gefallen – Unterwegs mit Kanzlerkandidat Peer Steinbrück

Foto: Maria Schiffer

Peter Hossli leitet Autoren-Pool

Manchmal ist alles ein bisschen anders. Entgegen der Meldung vom 19. Juni 2013 bleibe ich bei Ringier.

Es freut mich, in meiner neuen Funktion als Chefautor für die Blick-Gruppe ein neues Team mit Autorinnen und Autoren aufzubauen, dieses zu leiten – und weiterhin Geschichten zu schreiben.

Schröder weggeschnitten

grass_thierse_steinbrueck2Die deutschen Sozialdemokraten sind nicht gerade in bester Form. Ihr Kandidat fürs Kanzleramt mag nicht zu begeistern. Die Umfragewerte der Partei sind erschreckend tief. Kanzlerin Angela Merkel sieht zwölf Wochen vor der Wahl bereits wie eine sichere Siegerin aus.

Umso erstaunlicher, wie die SPD mit ihrem letzten Kanzler umspringt. Zweimal konnte Gerhard Schröder die deutsche Regierung bilden. Und jetzt schneidet ihn die Parteiführung einfach aus einem historischen Bild raus.

Wie das? Am Mittwochabend traten im Willy-Brandt-Haus in Berlin Günter Grass und Kanzlerkandidat Peer Steinbrück zu einem Gespräch auf. Es ging um die intellektuelle Freundschaft zwischen Grass und Willy Brandt und den auf 1230 Seiten gedruckten Briefwechsel zwischen den beiden. Wolfgang Thierse moderierte Kandidat und Literat. Über den drei Parteigrössen hing ein Bild, das Grass und Brandt beim Spaziergang zeigt. Der Politiker mit Krawatte, der Schriftsteller rauchend mit Pfeife.

schroeder_brandt_grassDas Bild stammte aus dem Jahr 1985, dokumentiert den Wahlkampf, gilt als historisch bedeutend – und es war beschnitten.

Links von Brandt stand damals nämlich Gerhard Schröder. Er trug einen verwaschenen Pullover, war Abgeordneter im deutschen Bundestag und ein Hoffnungsträger der Linken.

Man kann nur spekulieren, warum die Genossen das Bild und somit die Geschichte so krass verändert haben. Vermutlich wollten sie den jetzige SPD-Kandidaten nicht daran erinnern, dass einst ein anderer Sozi wusste, wie bundesweite Wahlen zu gewinnen sind.

Peter Hossli ab Herbst bei “Bilanz”

News in eigener Sache: Ich wechsle von Ringier zu Axel Springer. Ab Herbst schreibe ich als Autor für das Schweizer Wirtschaftsmagazin «Bilanz». Ich freue mich darauf, vertieften Magazinjournalismus mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen zu machen.

Ringier bin ich sehr dankbar. Die Blick-Gruppe hat es mir ermöglicht, spannende Interviews, hintergründige Reportagen und News-Geschichten zu recherchieren und zu schreiben. Zudem kommentierte ich das aktuelle Geschehen.

Es war anregend, von Beginn weg im integrierten Newsroom für verschiedene Kanäle zu schreiben – Print wie Online. Wie innovativ Ringier zuweilen ist, zeigt zudem das iPad-Magazin «The Collection», das ich entwickeln und leiten durfte.

Vor allem aber habe ich bei Ringier viele gute Menschen kennengelernt.

Amerikaner wütend wegen Gerüchten

Spektakulär klangen die Schlagzeilen der letzten Wochen zum Steuerstreit mit den USA. «Eck­werte für Deal mit USA stehen», titelte die «NZZ am Sonntag».

Der Aargauer «Sonntag» wusste: «Steuerstreit mit USA: Schweiz ­kapituliert». Die Zeitung berichtete: «Staatssekretär Michael Ambühl hat im Steuerstreit mit den USA eine Lösung gefunden.» Die sei nicht sonderlich gut und bedeute «das Ende der Globallösung».

Am Freitag titelte die NZZ: «Bundesrat vertagt Entscheid». Dabei hat der Bundesrat nichts zu entscheiden. Die Verhandlungen laufen noch. Ein Ergebnis fehlt. Eine Kapitulation gibt es nicht. Die Globallösung bleibt auf dem Tisch. Gerade weil der Bundesrat zu vielem nicht Ja sagt, zieht es sich hin.

Die Gerüchte in der Presse aber irritieren und ärgern die Unterhändler von US-Justizminister Eric Holder. Sie vermuten, Schweizer Diplomaten streuten Indiskretionen. Das schürt Misstrauen. Misstrauen ist Gift in der Diplomatie.

Die USA verfolgen genau, was die Schweizer Presse berichtet. «Es gehört zu unseren Aufgaben, alles zu lesen und Washington zu berichten, was über die USA geschrieben wird», sagt der Sprecher der US-Botschaft in Bern, Alexander Daniels. «Beim Thema Banken sind wir besonders aufmerksam.» Ob US-Dip-lomaten verärgert sind, will er weder bestätigen noch dementieren.

Oft beflügeln vom Bund in Auftrag gegebene Abklärungen die ­Gerüchte. Zur Presse gelangen sie ohne Zutun von Diplomaten und ohne Kontext. Die Ironie: Jahrelang versorgte die US-Regierung die US-Presse mit Details zu Steuerhinterziehern – und erhöhte so den Druck auf Schweizer Banken. Die Schweiz verhandelt diskret – und leidet unter Gerüchten, verbreitet von der Schweizer Presse.

SonntagsBlick, 21. April 2013

Neuer Anwalt für Reto T.

Reto T.* hat einen neuen Strafverteidiger. Der einstige IT-Mitarbeiter der Bank Sarasin wird seit dem 21. März vom Zürcher Anwalt Viktor Györffy (45) vertreten, wie der bestätigt.

T. ist eine Schlüsselfigur im Fall Hildebrand. Zusammen mit dem Thurgauer SVP-Kantonsrat Hermann Lei zeigte er alt Bundesrat Christoph Blocher Auszüge von Philipp Hildebrands Sarasin-Konto. Sie belegen private Dollar-Geschäfte des Ex-SNB-Präsidenten. Gegen T., Blocher und Lei laufen Strafuntersuchungen wegen möglicher Verletzung des Bankgeheimnisses oder der Anstiftung dazu. Gegen Lei wird zudem wegen Verletzung des Anwaltsgeheimnisses ermittelt.

* Name der Redaktion bekannt | SonntagsBlick 14.4. 2013

Wenn ein Wort nicht mehr gilt

Von Peter Hossli

Der Chef der liberalen Denkfabrik weiss, was zu einer Demokratie gehört. «Fragen Sie mich, was Sie wollen», grüsst Alois Zwinggi im Davoser Alpen-Hotel. Er ist Direktor des Weltwirtschaftsforums, das sich alljährlich im Landwassertal trifft. «Wir haben nichts zu verbergen.» Das Interview verläuft gut, ist ein anregendes und offenes Ping-Pong aus frechen Fragen und kurzen, klaren Antworten.

Bis die Pressesprecherin des Direktors einschreitet: «Wann schicken Sie uns den Text? Wir wollen das Gut zum Druck geben.»

Genau. Pressesprecher verlangen, Interviews abzusegnen bevor sie in den Druck gehen.

Häufig ist das Teil der Vereinbarung zwischen Interviewer und Interviewtem. Eine Art Vertrag, der meist noch weiter geht. So sichern sich hochbezahlte Pressesprecher das Recht, ganze gesagte Passagen zu streichen, sie umzuschreiben oder neue hinzuzufügen. Nur unter diesen Bedingungen gewähren sie Interviews mit ihren Chefs. Ihr Ziel: Die absolute Kontrolle über das, was publiziert wird.

Schreibt der Journalist ein Porträt mit Zitaten, genügt es oft nicht mehr, das Gesagte zur Autorisierung vorzulegen. Pressesprecher verlangen den ganzen Text, damit sie zusätzlich Einfluss auf den Kontext ausüben können.

Verträge sind natürlich zweiseitig. Will heissen: Journalisten lassen sich auf solche Bedingungen ein. Sie glauben, sonst keine Interviews zu erhalten. Der abtretende Schweizer Bundesrat Moritz Leuenberger verlangte im Oktober 2010, ein Abschiedsgespräch mit ihm müsse im vorderen Teil der Zeitung erscheinen, nicht im Magazin. Die Journalisten gehorchten – der Medienminister konnte also bestimmen, auf welcher Zeitungsseite das Interview erscheint. «Uns ist die Beziehung zum Pressesprecher wichtig», rechtfertigte sich einer der beteiligten Journalisten.

Für den Medienanwalt des Hauses Ringier, Matthias Schwaibold, hat sich die «Unkultur des Gegenlesens zur Hochkultur erhoben». Schuld seien nicht zuletzt die Journalistinnen und Journalisten. Zu oft überlassen sie Pressesprechern die Hoheit über ihre Texte. «Es schleicht sich ein Rechtsanspruch aufs Gegenlesen ein», sagt Schwaibold. Einen solchen aber gibt es juristisch nicht.

Das Interview mit WEF-Direktor Zwinggi war längst gelayoutet, die Schlagzeile gesetzt, als die revidierte Fassung zurückkommt. Prompt hat die Pressesprecherin die kernigste Aussage gestrichen: «Wir wollen keine Stars am WEF.»

Es folgte eine Verhandlung, der sich Journalisten selten stellen. «Herr Zwinggi war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob er das wirklich in der Zeitung lesen möchte», erklärte die Pressesprecherin die Streichung. Er sagte es so, erwidere ich. «Ja, das stimmt», sagt sie. Wir drucken, was er gesagt hat. Die Pressesprecherin schluckt leer. «Ich melde mich.» Fünf Minuten später ruft sie zurück, lässt das Zitat stehen. Offenbar besann sich Zwinggi auf sein Grusswort – «Sie können fragen, was Sie wollen» – und setzte sich über die Pressesprecherin hinweg.

An einem Morgen am WEF in Davos, mitten im Kongresszentrum. Ein Ort, wo oft spontane Interviews entstehen. Mitten im Raum steht leger der VR-Präsident der Credit Suisse, Urs Rohner. «Guten Tag, wir sind Journalisten der Blick-Gruppe, würden Sie gerne befragen», stellen eine Kollegin und ich uns vor, halten je ein Aufnahmegerät hin. «Legen Sie los, ich habe wenig Zeit», sagt Rohner. Eine erste, eine zweite, eine dritte Fragen. Die sechste ist kritisch. «Wann ist der Steuerstreit mit den USA gelöst?» Der CS-Präsident beantwortet sie nicht, verabschiedet sich, steht ein paar Sekunden später aber wieder vor den Mikrofonen: «Letztlich kann man jedes Problem lösen.» Das Interview ist im Kasten. Am nächsten Tag steht es in der Zeitung, wie das Band es wiedergibt.

Drei Wochen später meldet sich der Kommunikations-Chef der Bank. «Es geht nicht, dass Sie Urs Rohner so überfallen.» – «Das war kein Überfall, sondern ein Interview am WEF, wir haben das deklariert, alles ist auf Band.» – «Konnte er das Gespräch gegenlesen?» – «Er hat nicht danach gefragt.» – «Das ist eine Schelmenausrede.»

Nicht aus Sicht von Medienanwälten. Wer nicht ausdrücklich fragt, hat kein Recht aufs Gegenlesen.

Eine andere Begegnung am WEF zeigt eine andere Kultur. Zufällig geht der US-Milliardär und Computer-Fabrikant Michael Dell über die Strasse. «Guten Tag, Mister Dell, haben Sie Zeit für ein kurzes Interview?» – «Natürlich, leider habe ich meinen Mantel drinnen gelassen, allzu lange halte ich es in dieser Kälte sicher nicht aus.» Er gibt Auskunft, verabschiedet sich. Das Interview erscheint am nächsten Tag. Niemand regt sich auf.

Zwölf Jahre lang war ich Korrespondent in den USA. Nie musste ich ein Interview zur Autorisierung vorlegen, nie hat sich jemand beschwert über ein Gespräch. Es gilt das gesprochene Wort. Journalisten schreiben, was sie hören. Interviewte stehen zu dem, was sie sagen. Es braucht keinen Vertrag. Alle verhalten sich wie Profis – und wehren sich, wenn das nicht mehr stimmt.

Unter US-Präsident Barack Obama jedoch hat sich das Absegnen von Zitaten eingeschlichen. So geben Mitglieder seines Kabinetts kaum Interviews ohne sie gegenlesen zu dürfen.

Dagegen wehrt sich die weltweit wichtigste Zeitung. Die «New York Times» verbietet ihren Journalisten seit September 2012 partout, Zitate vor der Publikation von Gesprächspartnern gegenlesen und verändern zu lassen – weil die Praxis «zu viel Kontrolle über den journalistischen Inhalt in die falschen Hände» lege, begründete die «New York Times»-Chefredaktorin Jill Abramson die neuen Richtlinien. Es bestehe das Risiko, «dass unsere Leser den falschen Eindruck haben, wir gäben die Kontrolle über eine Geschichte unseren Informanten ab.»

Reporter der «New York Times» müssen Interviews ablehnen, wenn Pressesprecher das Gut zum Druck geben wollen. Sie nehme in Kauf, «Interviews nicht zu erhalten», sagte Abramson. Es sei denn, es handle sich um wirklich wichtige Informationen zur Sicherheit des Landes.

Die Kontrolle der Berichterstattung müsse bei den Journalisten liegen, sagt Abramson. «Reporter dürfen nicht zu Bittstellern werden.»

Eine Übersicht von Interviews

Dieser Text erschien ursprünglich im Ringier-Mitarbeiter Magazin DOMO

Chronologie einer Berichtigung

Am 3. Dezember 2012 veröffentlichte DER SPIEGEL ein Interview mit Axel Weber. Darin sagte der UBS-Präsident: «Ich treffe Walter-Borjans diese Woche zum Abendessen. Ich sehe dem freudig entgegen.» BLICK wollte wissen, wo und wann das Treffen zwischen UBS-Mann und dem Finanzminister von Nordrhein-Westfalen stattfindet. «No comment », liess die Pressestelle der Schweizer Grossbank ausrichten.

Die NZZ am Sonntag berichtete am 9. Dezember über das Treffen. «Bei einem gemeinsamen Essen warb er [Axel Weber] am Freitag beim nordrhein-westfälischen Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) um Zustimmung.»

Kurz vor Weihnachten gewährten Weber und UBS-Chef Sergio Ermotti SonntagsBlick ein Interview, publiziert am 23. Dezember 2012. Auf das Essen mit Walter-Borjans angesprochen, antwortete Weber: «Das Nachtessen fand nicht statt. Der Flieger nach Düsseldorf blieb im Schnee stecken.»

Dabei hatte die NZZ am Sonntag doch berichtet, das Essen hätte stattgefunden. Die Diskrepanz fiel Twitterer Newsmän auf. Er setzte am 23.12. 2012 einen ersten Tweet ab – und wollte von der NZZ wissen, ob es das Treffen Weber/Walter-Borjans gab. «Danke für den Hinweis», antwortete die NZZ am 3. Januar 2013. «Wir klären den Fall ab.» Newsmän: «Danke.» Newsmän am 16. Januar: «Habt ihr etwas rausgefunden bezüglich Treffen #Weber #Borjans?» NZZ: «sind noch dran. Wir werden die Änderungen bekannt geben.» Newsmän: «danke. dann wart ich ab.»

Am 26. Februar fragte Newsmän erneut nach: «Immer noch in Abklärung? Die Monate verstreichen… Treffen #borjans #axelweber.» Doch die NZZ hatte eine Antwort parat: «Laut der Autorin des Artikels wurde das Treffen geplant, es fand jedoch nicht statt.» Auf der NZZ-Website war eine Korrektur angebracht:

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Artikels hiess es, «Axel Weber, Präsident des UBS-Verwaltungsrates, setzte sich ein weiteres Mal für das Abkommen ein. Bei einem gemeinsamen Essen warb er am Freitag beim nordrhein-westfälischen Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) um Zustimmung». Tatsächlich wurde das Treffen lediglich angekündigt. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.

Newsmän war zufrieden: «Danke. Wann habt ihr den Artikel angepasst? Denke die Autorin wird einen Lerneffekt davontragen.» NZZ: «ca. zwei Wochen.»

Die UBS hat 2014 wohl ausgerast

Schnelle Flitzer, laute Motoren und Kurven: Gehört das wirklich zum angestrebten seriösen Image der UBS? Schätzungsweise 50 Millionen Franken kostet das Sponsoring der Formel 1 jährlich. Eingeführt hatte es der damalige UBS-CEO und Formel-1-Fan Oswald Grübel. Der neue Chef Sergio Ermotti sagt zu BLICK: «Wir werden das Formel-1-Sponsoring von Grund auf überdenken.» So wie alles der Bank durchleuchtet werde. Noch ist die Formel 1 Kernstück des internationalen Sponsoring-Portfolios der UBS. «Der Sponsorvertrag wird 2014 auslaufen», sagte Ermotti aber gestern – und hob das Sponsoring für die Schweizer Jugend und den Tourismus hervor.

Blick, 6. Februar 2013

“Wo sind die Jobs, die wir brauchen?”

Interview: Peter Hossli und Claudia Gnehm

Freitagnachmittag vor dem Kongresszentrum in Davos. Wer ist das bekannte Gesicht auf der anderen Seite der Strasse? Oh ja, Michael Dell (47), Gründer und Chef von Dell Computer, dem weltweit drittgrössten Computerhersteller. Er war 19 Jahre alt, als er 1984 die Firma mit 1000 Dollar startete. Heute beläuft sich sein Vermögen auf 14,6 Milliarden Dollar. «Guten Tag, Mister Dell, haben Sie Zeit für ein kurzes Interview?» – «Natürlich, leider habe ich meinen Mantel drinnen gelassen, allzu lange halte ich es in dieser Kälte sicher nicht aus.»

Dann legen wir sofort los. Es gibt Gerüchte, dass sich Dell von der Börse zurückzieht und schon bald zu einer privaten Firma wird. Ist das wahr?
Michael Dell: Vielen Dank für diese freundliche Frage, aber dazu sage ich nichts. Gegenfrage: Benutzen Sie bei Ihnen auf der Redaktion denn Computer von Dell?

Nur noch Dell-Bildschirme.
Auch das schätze ich sehr. Wir wollen, dass Unternehmen unsere IT-Lösungen nutzen. Wir sind sehr gut aufgestellt, konnten unseren Umsatz in den letzten fünf Jahren von 14 auf 20 Milliarden Dollar steigern – und haben über 20 Firmen angekauft.

Was ist aus Ihrer Sicht die grösste Herausforderung der Weltwirtschaft?
Weltweit ist das Wachstum zu gering, die Jugendarbeitslosigkeit ist zu hoch. Wo sind die Jobs geblieben, die wir dringend bräuchten? Es gibt zu viele Länder, die stagnieren, vor allem hier in Europa.

Was bringt denn das WEF, um diese Probleme anzugehen?
Ein Treffen allein kann sie sicher nicht lösen. Die Diskussionen sind aber hilfreich, die Probleme zu verstehen. Zudem treffe ich viele Kunden und Geschäftspartner, schliesse in Davos Deals. Das kann das Wachstum ankurbeln.

Viele sagen, dieses Jahr sei das WEF ruhiger als sonst. Einverstanden?
Seit 18 Jahren komme ich jedes Jahr nach Davos. Heuer fürchtet sich niemand vor dem Kollaps Griechenlands, deshalb ist es ruhiger. Sorry, jetzt ist mir kalt. Bye-bye!

Foto: Claudia Gnehm

Merkel und Clinton sind seine Gäste

Michael Hoferer (55) hat schon Jassir Arafat, Kofi Annan und den Prinz von Dubai beherbergt. Das war vor einem Jahrzehnt, als Direktor des «Waldhuus» und des «Seehof», beides Topunterkünfte des Davoser Weltwirtschaftsforums.

Seit dem Sommer führt der einstige Kochlehrling das Fünfsternehotel Belvédère, das Herz des WEF, in dem ab 22. Januar 220 Anlässe stattfinden. Angela Merkel, Bill Clinton und Bill Gates sind seine Gäste, verrät der Deutsche, der bald den Schweizer Pass beantragen will. WEF-Präsident Klaus Schwab habe entschieden, wo «meine Bundeskanzlerin übernachtet», so der Hotelier. Am WEF will er «die Schweiz im besten Licht zeigen».

Hoferer ist sehr zufrieden mit dem Saisonauftakt. Etliche Gäste kämen schon seit 30 Jahren – sie kennen das Hotel teilweise besser als er selbst. Nach dem kurzen Gastspiel seines Vorgängers will der hochgewachsene Hotelier Stabilität in das knapp 100 Zimmer grosse Haus bringen, vermehrt lokale Lieferanten berücksichtigen und seine Wirkungsstätte als «junges Grand Hotel» positionieren – unter anderem mit einem Höhencamp für Triathleten im Sommer.

SonntagsBlick; Foto: Daniel Ammann

Begegnungen 2012

Journalismus ist gut, wenn er aktuelle Themen mit Menschen plausibel darstellt. Das habe ich im vergangenen Jahr als Autor der Blick-Gruppe gemacht. Grossem Dank verpflichtet bin ich den Menschen, die mir ihre Zeit gaben.

Eine Auswahl von Begegnungen 2012

Januar

Mit dem Marathon-Man bei den Mächtigen
Mittwochabend, 17.38 Uhr. Ein SMS aus Bern erreicht den Reporter in Davos. «Wir fliegen jetzt ab, Landung zwischen 19 Uhr und 19.10 Uhr.» Zwei Minuten später: «Abgehoben um 17.40 Uhr.»

Mit dem Helikopter der Schweizer Armee fliegt Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann (59) von Bern nach Davos. Vier Tage lang wirbt er in der verschneiten Alpenstadt für die Schweizer Wirtschaft, am Weltwirtschaftsforum, dem Tummelplatz der Reichen und Mächtigen.

Kurz vor 19 Uhr landet der Bundesrat. Einen Bauernhof haben die Davoser zum ­Heliport umgestaltet. Man riecht es. Bei jeder Landung wirbeln Rotoren den Schnee auf, der auf gefrorener Gülle liegt.

Schneider-Ammann besteigt eine schwarze Limousine, braust ins ­Hotel Schweizerhof. Dicht dahinter folgt ein Wagen der Polizei, ein dritter befördert seine Berater. mehr

Januar | Februar | März

Der Fall Hildebrand

“Der alt Bundesrat weiss nicht mehr, als was in der Presse steht”

“Ich habe Fehler gemacht, und ich bedauere es”

Was der Whistleblower wirklich wollte

Jede Affäre hat ihr Bild

“Ich bin das kleinste Zahnrad”

Die Welt der globalen Nomaden

Wer hat dieses Dokument fabriziert?

Es ging um Geld & einen Job – und viele mehr

April

Ich bin der Affe, der auf den Baumkronen rumturnt
Peter Maurer befreite die Geiseln aus Libyen, etablierte die Schweiz bei der Uno. Jetzt verliert das Land seinen cleversten Staatsdiener. Als Präsident beim Roten Kreuz erklimmt er den Olymp globaler Diplomatie.
Bern bricht auf ins lange Wochenende. Eilig verschwinden Beamte unter den Lauben. «Frohe Ostern», wünscht Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann einem Passanten vor dem Bundeshaus. Wind und Regen zerzausen sein Haar. Dann ist auch er weg.

Einer nur scheint am Gründonnerstag, um 16 Uhr, noch zu arbeiten: Peter Maurer, Staatssekretär im EDA, liest in seinem Büro im Bundeshaus West Akten. Als einer der fleissigsten Staatsdiener gilt die Nummer zwei im Aussenamt. Nie schläft er länger als vier Stunden. Sagt von sich, Stress nicht zu kennen, da er täglich 20 Stunden wache Zeit habe. mehr

Soldat Luca, kein Opfer, kein Held
Kerngesund und voller Optimismus geht Luca Barisonzi mit 18 zur Armee. Mit 20 schiesst ihn ein Afghane in den Hals. Jetzt ist der italienische Grenadier gelähmt und lässt sich in Nottwil pflegen.

Sanft schiebt die Mutter ein Brett unters Gesäss ihres Sohnes. Ein Pfleger zieht ihn darauf vom Bett in einen Rollstuhl. Plötzlich scheppert das Brett zu Boden. «Besser das Holz fällt runter als Luca», sagt die Mutter. Sie umarmt ihn zärtlich.

Luca ist der Obergefreite Barisonzi (22), ein italienischer Grenadier in Schweizer Pflege. Seit sechs Monaten lebt er im Paraplegiker-Zentrum im luzernischen Nottwil.

Sein Rollstuhl steht in einem Einzelzimmer im Trakt B. Am Balkon hängt eine italienische Tricolore. «Ich kann nicht mehr gehen, ohne Hilfe kann ich nichts essen», sagt Luca. Er ist querschnittgelähmt. «Aber ich kann mich noch kratzen, und den Kopf habe ich noch.» mehr

 

Zum Glück ist morgen wieder Montag
In seinem neusten Buch untersucht der Philosoph Alain de Botton die Arbeitswelt. Er sagt, warum unglückliche Eheleute bessere Arbeiter sind, eine schwierige Kindheit ihre guten Seiten hat, Sex den Arbeitsplatz vergiftet – und warum er kein Sushi mehr isst.
Was arbeitet einer, der bloss schreibt? «Ich verschiebe die Buchstaben des Alphabets», sagt Alain de Botton, ein Schweizer in England, derzeit einer der weltweit erfolgreichsten Autoren.

Er sitzt in der Lounge der Swiss am Flughafen Kloten. Ist in Zürich, um über «Freuden und Mühen der Arbeit» zu reden – sein neues Buch über die Arbeitswelt.

«Die meisten Menschen verschieben schwere Objekte, ich ordne die Wörter», sagt er. «Weil Wörter nicht physisch sind, verherrlichen wir Schriftsteller körperliche Arbeit.» Deshalb schaue er anderen beim Schaffen zu.

Dann hat er den besten Job? «Nein, es ist einer der schlimmsten.» – «Schreiben ist schwierig, weil man es immer besser machen kann.» – «An vielen Tagen produziere ich nur Mittelmass.» mehr

Mai

Die Masse der Deutschen stört mich
Plötzlich kennt ganz Deutschland die SVP-Nationalrätin Natalie Rickli. «Wir haben zu viele Deutsche im Land», sagte sie letzte Woche. Jetzt legt sie nach.

Frau Nationalrätin, was haben Sie gegen Christoph Blocher?
Natalie Rickli: Was soll diese Frage?

Blochers Vorfahren wanderten aus Württemberg ein. Hätten Sie damals gelebt, wäre er nicht hier.
Ihre Frage ist billig. Ich habe nichts gegen Ausländer, die sich integrieren, unser Land gernhaben, hier
arbeiten. Deshalb habe ich nichts gegen Christoph Blocher.

Deutsche mögen unser Land, sie integrieren sich, arbeiten.
Ich habe nichts gegen die Deutschen. Die Schweiz ist auf ausländische Arbeitnehmer angewiesen.

Sie sagen, es hätte zu viele Deutsche im Land. Was haben Sie gegen Deutsche?
Einzelne Deutsche stören mich nicht, mich stört die Masse. mehr

Ich war der Goalie in Auschwitz
Der Waliser Ron Jones geriet in Libyen in deutsche Kriegsgefangenschaft. 1943 kam er nach Auschwitz und stand jeden Sonntag im Tor der walisischen Nationalelf. Der 95-Jährige blickt zurück.
Es nieselt, ist kalt. Frisch riecht das Gras auf dem Fussballfeld im walisischen Dörfchen Bassaleg. Ein einziges Tor steht mitten auf dem unebenen Platz. Zwischen den Pfosten aufgestellt hat sich Ron Jones. Sachte bückt er sich zum Ball, der auf ihn zukullert, hebt ihn auf und wirft ihn behände zurück.

Er schmunzelt. «Fussball zu spielen, bringt Erinnerungen zurück.» Erinnerungen, die er jahrelang verdrängt hatte. An einen Ort, der wie kein anderer für die Unmenschlichkeit von Menschen steht. Es sind Erinnerungen an Auschwitz.

Jones, ein grosser, kräftiger und rüstiger Mann, ist 95 Jahre alt. Er verbrachte dreieinhalb Jahre in deutscher Kriegsgefangenschaft, 15 Monate davon in Auschwitz in Polen. Dort schuftete er unentgeltlich in einer Fabrik der IG Farben, stellte für die deutsche Wehrmacht Treibstoffe aus Kohle her. Jeden Sonntag, als die Schloten ruhten, spielte er Fussball. «Ich war in Auschwitz der Goalie der walisischen Nationalelf», sagt Jones. mehr

Krebs kann man nicht besiegen
Der St. Galler Onkologe Thomas Cerny über unsere heimtückischen Zellen – und warum die Pharmaindustrie die Krebsforschung behindert.
Professor Cerny, warum stirbt jemand an Krebs?
Thomas Cerny: Den Krebs gibt es nicht. Es gibt 210 verschiedene Krebserkrankungen. Meist sterben Krebspatienten wegen Komplikationen ihrer Krankheit. Oder der Tumor führt zu einer Schwächung mit Herz-Kreislauf-Versagen.

Kurt Felix hatte Krebs. Sie waren sein Arzt. Woran starb er?
Herr Felix hatte ein malignes Thymom, eine sehr seltene Krebsart. Der Tumor liegt im Brustkorb zwischen Lungen und Herz. Über die Umstände seines Todes kann ich wegen des Arztgeheimnisses nichts sagen. mehr

Juni

Samba für eine bessere Welt
Doris Leuthard über den Umweltgipfel Rio+20 und warum sie als junge Anwältin gar nicht grün war.
Frau Umweltministerin, ihr Vorgänger ass wegen der Umwelt kein Fleisch …
Doris Leuthard: … ich esse gerne ein gutes Stück Fleisch …

… wie verkleinern Sie denn Ihren ökologischen Fussabdruck?
Indem ich meine Ferien in der Schweiz verbringe. Ich esse saisonale und regionale Ware. Es ist ein Unsinn, Lebensmittel auf dem Luftweg zu transportieren.

Welches Mitglied des Bundesrats lebt besonders grün?
Wir alle verhalten uns rücksichtsvoll, fahren Zug und reisen nur, wenn es nötig ist.

Aber jetzt fliegen zwei Bundesrätinnen an den Umweltgipfel in Rio, zusammen mit 60000 Teilnehmern. Ist das nötig?
Um zu reden, muss man sich manchmal auch treffen. Videokonferenzen reichen nicht immer aus. Die Grösse solcher Konferenzen kann man immer hinterfragen. mehr

Die Schweiz in der Hypotheken-Falle
Der Brite Mark Branson ist höchster Aufpasser der Schweizer Banken. Er hält die Überhitzung des Häusermarktes für die grösste Gefahr.
Der Sheriff der Schweizer Banken ist ein höflicher Brite. Wie spricht er? «Auf Englisch bin ich etwas präziser, aber dann müssen Sie es ja übersetzen», sagt Mark Branson. «Reden wir doch deutsch.»

Branson sitzt im Zürcher Finma-Büro im Kreis 4. Er gilt als kluger Kopf. Ins Rampenlicht trat er im Sommer 2008. Noch im Sold der UBS, räumte er vor dem US-Senat grobe Fehler der Grossbank ein. UBS-Banker hatten amerikanischen Kunden geholfen, den Fiskus auszutricksen. Demütig entschuldigte sich Branson und half die Bank zu retten.

Auf Januar 2010 wechselte er zur Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma), als Leiter des Geschäftsbereichs Banken – trotz Lohneinbusse. mehr

“Reporters Like a Good Story”
Reporter Carl Bernstein describes how he revealed the Watergate scandal together with Bob Woodward – and what today’s investigative journalism has learned from this.
Mr. Bernstein, why was Watergate a good story?
Carl Bernstein: A good story is something that fascinates people, raises questions, and answers them.

Wasn’t Watergate about much more than that?
With Watergate, we are talking about the president of the United States, the most powerful individual in the world, who in the instance of Richard Nixon committed grave and egregious constitutional crimes and related criminal acts. But then, the American system worked. The press did its job, the judiciary did its job, and Congress did its job, and a president of the United States was forced to resign his office.

When did you realize that it was also an important story?
Right away. The original burglary was something extraordinary that almost certainly had to have high governmental involvement.

The White House characterized Watergate as a “third-rate burglary”.
It’s very important to recognize that Watergate was not simply about the break-in at the Democratic headquarters. It was a massive campaign of political espionage and sabotage directed by the president, intended to undermine the most precious of all American freedoms, which is free elections. more

Die Schweiz hat keine Freunde mehr
Adolf Ogi – seine Abrechnung mit der Politik, den Medien und mit Gott.
In diesen Wochen wird einer der grössten Schweizer Politiker 70 Jahre alt: Adolf Ogi. Zum Jubiläum erscheint eine neue Biografie. Sie zeigt ihn als Familienmenschen, Bergler und Bundesrat. Und als Staatsmann von Welt.

Ogis Händedruck ist kräftig, er wirkt vital. Und er flösst Respekt ein. Denn Ogi hat sich die rot-weisse Krawatte umgebunden. Trägt er die – das wussten seine Mitarbeiter –, dann gilt es ernst.

Herr Ogi, Sie sind jetzt 70 …
Adolf Ogi: Halt! 70 werde ich erst in einem Monat.

Haben Sie noch Lampenfieber?
Immer. Ich muss nervös sein, um mein ganzes Charisma und Leistungsvermögen abzurufen.

Sie versuchen nicht, das Lampenfieber abzuschütteln?
Im Gegenteil. Vor jedem Auftritt stelle ich mir vor, es sei der wichtigste meines Lebens. Verfiele ich der Routine, wäre ich langweilig. mehr

Juli

“Akzeptabel ist nur eine echte Demokratie”
Mit Weinen aus seinem Heimatkanton schuf der Schweizer Aussenminister an der Syrien-Konferenz eine möglichst entspannte Atmosphäre.
Herr Bundesrat Burkhalter, Sie haben Ihren Gästen zwei Weine aus Ihrem Heimatkanton Neuenburg aufgetischt. Wie haben sie den Aussenministern gemundet?
Didier Burkhalter: Der Wein stammt aus dem Dorf, in dem ich zur Welt kam. Ich habe alle gefragt, wie der Wein ihnen schmecke. Sie sagten, er hätte ihnen gemundet. Ich habe aber gemerkt, dass die Amerikaner Coca-Cola tranken.

Die Konferenzteilnehmer sind angespannt. Wie war die Stimmung beim Schweizer Lunch?
Überraschend gut. Die Unterhändler konnten kurz abschalten. Das wollte ich erreichen. Genf ist die Stadt des Friedens. Um Frieden zu schaffen, kann eine spezielle Schweizer Atmosphäre nützlich sein. Beim Essen kam sie sofort auf. mehr

Sieben, die sich einfach gut verstehen
Die Bundesräte gehen auf Tuchfühlung mit Volk und Kollegen. Ihre Berater bleiben in Bern. Unsere Regierung harmoniert, zeigen zwei Tage im Bündnerland.
Ueli Maurer greift sich ein Glas Bier, geht in die Menge. «Ich fühle mich wie der Bär im Bärengraben», sagt er, «alle schauen mich an.»

Bei ihrem Wächter steht Simonetta Sommaruga, blickt zu Boden, als wolle sie niemanden sehen.

Doris Leuthard herzt ein Mädchen, wippt dann rhythmisch zu den Klängen der Ländlerkappelle.

Spontan legt Didier Burkhalter den Arm um eine Bäuerin, lässt sich fotografieren. «Mein Name ist Didier», sagt er, drückt ihr die Hand.

Es ist Donnerstag, kurz nach vier. Drei Bundesrätinnen und vier Bundesräte sind eben auf dem Dorfplatz von Scuol GR eingetroffen. Rund 200 Schaulustige sind da, tragen ihre besseren Kleider, die farbige Bluse, das frisch gebügelte Hemd, saubere Schuhe. Aus Fenstern hängen Flaggen. Die Sonne brennt. Kinder kühlen ihre Beine im Dorfbrunnen. mehr

Viel konnte ich von meinem Vater nicht lernen
Wie Magdalena Martullo als Mutter einen Weltkonzern führt. Wann sie in die Politik einsteigt. Und warum Bauern der Industrie und zu viele Frauen dem Bundesrat schaden.
Als sei es die normalste Sache der Welt, trägt Magdalena Martullo-Blocher (42) das Konzernergebnis der Ems-Chemie vor: mehr Umsatz, mehr Gewinn. Trotz Krise. Ja, den Rekord von 2011 dürfte sie 2012 nochmals übertreffen, sagt die Konzernchefin eher nebenbei.

Verdoppelt hat sich der Kurs der Ems-Aktie seit 2004. Damals löste sie Christoph Blocher an der Spitze der Chemiefirma ab. Was macht sie besser als ihr Vater? Dies die erste Frage im Interview. Sie lässt sie offen.

Okay, was hat sie von ihm gelernt? Sie will nicht einfach Tochter des berühmten Vaters sein, wie ihre Antwort zeigt. «Ich mache es so, wie ich es richtig finde, viel konnte ich von ihm gar nicht lernen.» Gerade mal drei Jahre habe sie an seiner Seite gearbeitet. «Er zog sich ja auf die Finanzen und die Steuern zurück, und ich habe das Geschäft ohne ihn geführt.» mehr

Banken sind niemals beliebt
Brady Dougan: Der Chef der Credit Suisse sagt, was die Banken tun müssten, um das Vertrauen wiederzufinden.
Herr Dougan, ist das gestern veröffentlichte Quartals­ergebnis der Credit Suisse gut genug, um Ihren Job zu retten?
Brady Dougan: Ich richte mich nicht danach aus, wie ich meinen Job retten kann. Das Resultat zeigt: Wir können in einem schwierigen Umfeld gute Gewinne erzielen. Die Eigenkapitalquote von neun Prozent mag auf den ersten Blick bescheiden wirken. Sie ist aber eine der höchsten der Branche.

Nachdem Sie die Kosten um zwei Milliarden Franken gesenkt haben, wollen Sie diese bis Ende 2013 um eine weitere Milliarde senken. Wie viele Stellen streichen Sie?
Im ersten Halbjahr sparten wir zwei Milliarden ein. Das kostete 2500 Stellen. Bei den zusätz­lichen Massnahmen zur Effizienzsteigerung geht es nicht allein um Stellen. Insgesamt dürfte die Zahl der Jobs Ende 2013 nur unwesentlich tiefer sein. mehr

August

Auf eine Zigi mit Zaugg
Die Kunstfigur des umtriebigen Tabaklobbyisten Marcel Zaugg zerrt die Absurdität der Argumente der Tabakindustrie ins Scheinwerferlicht – mit giftiger Ironie.
Seine Freunde nennen ihn «Ziggy». Er liebt Amerika, lange Autos, Frauen in kurzen Röcken. Pafft nonstop, tritt vehement für Zigaretten ein. Denn Marcel Zaugg (44) ist in Bundesbern ein einflussreicher Lobbyist, steht dick im Sold der Tabakindustrie, ist auf allen Kanälen zu sehen, zu hören, zu lesen.

Allerdings: Marcel Zaugg ist die Schöpfung eines vifen Werbers. Ein Schauspieler verkörpert ihn.

Daniel Graf (39), einst Mediensprecher bei Amnesty International, hat «Ziggy» Zaugg entwickelt.

Mit der Kunstfigur wagt Graf etwas, was in der Schweiz bisher noch nie so recht funktioniert hat – eine geistreiche politische Kam­pagne humorvoll zu bestreiten. mehr

Ohne Online-Werbung stirbt die SRG
Der Swisscom-Chef erklärt, wie wir künftig fernsehen. Warum im Zug das Handy nicht funktioniert. Und wann er seinen Kindern das iPad abstellt.
Herr Schloter, wann bietet Swiss­com das neue iPhone an?
Carsten Schloter: Das möchte ich auch gerne wissen.

Sie wissen nicht, wann das begehrteste und wichtigste Produkt Ihrer Branche erhältlich ist?
Wüssten wir es, würden es andere Anbieter und die Medien wissen. Es wäre kein Geheimnis mehr.

Seit es das iPhone gibt, diktiert Apple Ihr Geschäft.
Das sehe ich anders. Apple hat die Branche mit fundamentalen Neuerungen vorangebracht. Vor kurzem war mobiles Internet noch ein Exotenprodukt. Das iPhone hat es demokratisiert. Klar, Apple hat Macht. Aber die kommt nicht aus heiterem Himmel. Sie ist verdient. mehr

September

Der Mann ohne Plan B
Der Chefunterhändler im Steuerstreit erklärt, warum das Steuerabkommen mit Deutschland gut ist – und wie es mit den USA weiter geht.

Herr Ambühl, denken Sie oft an Ihren Rücktritt?
Michael Ambühl: Nein, oder sollte ich, weil ein paar deutsche Politiker die Schweiz kritisieren?

Wem die Erfolge ausbleiben, muss an Rücktritt denken.
Wir haben Erfolge. Mit Deutschland, Österreich und Grossbritannien haben wir Steuerabkommen unterzeichnet. In der Schweiz hat das Parlament die Abkommen genehmigt. In Grossbritannien und in Österreich sind sie genehmigt.

Das wichtigste Abkommen mit Deutschland droht zu scheitern, mit den USA herrscht Stillstand. Was haben Sie falsch gemacht?
Man kann nicht verhindern, dass ein Vertragspartner ein unterzeichnetes Abkommen nicht ratifiziert. mehr

Wer das Füdli lüpft, ist sein Geld wert
Bundesrat Johann Schneider-Ammann erklärt, warum viele ausländische Arbeitskräfte die Schweiz stärken – und das Volk ihn mag.
Herr Bundesrat, Sie gelten als Sieger der Session. Feiern Sie?
Johann Schneider-Ammann: Ich habe Freude am Ergebnis, denn es ist gut für die Landwirtschaft und den Werkplatz. Als persönlichen Erfolg sehe ich das aber nicht. Setzt sich ein Bundesrat durch, ist das gesamte Kollegium siegreich.

Wie kann sich ein Ex-Industrieller für Landwirtschaft erwärmen?
Ich wuchs mit der Landwirtschaft auf. Mein Vater war Tierarzt. An schulfreien Tagen habe ich ihn begleitet. Stimmte der Bauer zu, erlaubte mir mein Vater, bei Kälbergeburten jeweils den Kaiserschnitt zu machen. Durfte ich nicht schneiden, «schnurpfte» ich die Naht zu. Vermutlich könnte ich es noch heute. mehr

Oktober

Auf der Flucht, um zu retten, was geblieben ist – das Leben
Ein syrischer Koch arbeitet als Tagelöhner, ein Schneider verkauft Autos – und warum nicht alle syrischen Flüchtlinge im Libanon gleich sein.
Golden glänzt der Jeep, hinter dem sich Masood versteckt. «Fang mich doch», ruft der vierjährige Knabe seiner Schwester zu. Waghia (3) rennt am blauen BMW vorbei, passiert den silbernen Mercedes. Sie glaubt, Masood zu packen. Da schlüpft der flugs unter einen Geländewagen.

Die Kinder tollen rum, wo sie seit sieben Monaten wohnen – auf dem Parkplatz eines Gebrauchtwagenhändlers in Sidon, im Süden Libanons. Ihr Vater verkauft alte Autos. Schergen der syrischen Armee ermordeten kaltblütig 32 seiner Verwandten. Weil er um sein Leben fürchtete, floh er in den Libanon.

Ein bulliger Kerl ist Omar Harmoush (41). Fünfzehn Kinder ­haben ihm seine drei Ehefrauen geboren. Krause Haare bedecken Arme und Brust, aus dem Mund blitzt ein Goldzahn. Mürbe gemacht hat den starken Mann, was er in seiner Heimat sah. Omar war Zeuge, wie syrische Soldaten seinen Schwager erschossen, drei Cousins töteten. «Sie haben ihnen nichts angetan.» mehr

November

Die durchschnittlichste Stadt Amerikas
Wer Präsident werden will, muss in Ohio siegen. Nirgends ist es knapper als in Wood County.
Ein einziger Stuhl steht im engen Barbershop. Seit 40 Jahren schneidet Hal Huber (65) hier Haare, stutzt Bärte. Zehn Dollar verlangt er. «Über Politik rede ich nie», sagt Huber. Weil er keinen Streit will. «Warten zwei Kunden, sind es meist ein Demokrat und ein Republikaner.»

Sein Salon liegt an der Main Street in Bowling Green, der Hauptstadt von Wood County in Ohio. Es ist der durchschnittlichste Bezirk der USA – und meist der wahlentscheidende. 49 Prozent wählen Demokraten, 49 Prozent Republikaner, der Rest mal so, mal so. Bei Präsidentschaftswahlen hat der Sieger seit 1980 stets auch in Wood County gewonnen. Mehrmals besuchten deshalb Barack Obama (51) und Mitt Romney (65) den Bezirk. Vorgestern Donnerstag schaute Ex-Präsident Bill Clinton vorbei. Am Freitag schien die ganze Familie Romney in Ohio zu sein.

Sie alle kommen, weil Präsident wird, wer in Ohio gewinnt. Nötig ist dafür ein Sieg in Wood County. «Amerika im Taschenformat» nennt Coiffeur Huber den Bezirk südlich von Toledo. Eine Universität beherbergt die Stadt. Farmer züchten östlich und westlich davon Rinder. Im Norden schrauben Arbeiter Autos für Chrysler zusammen. Wagt der Coiffeur eine Prognose? «49 zu 51 oder 51 zu 49.» mehr

Amerikas Herzschlag
Amerika floriert – in Texas. Jeden Tag bringt die Kleinstadt Cuero einen Millionär hervor. Dank dem grössten Erdöl- und Ergas-Boom seit 40 Jahren.
Vier blütenweisse Stahlrohre schweben über staubigem Grund. An einem Ende münden sie in einen Tank, am anderen zapfen sie den Wüstensand an, saugen einen grünlich-schmierigen Saft aus dem Boden: Erdöl. George Bishop öffnet einen Verschluss und lässt die Brühe in die offene Hand fliessen. «Nach was riecht das?» Nach bitterem Olivenöl? «Falsch, so riecht Geld.»

Davon hat Bishop (76) reichlich. Er ist Milliardär und will jetzt noch reicher werden. Deshalb zog er vor zwei Jahren nach Cuero, ins Herz von Texas. Er kaufte Land. Seither hat er darauf 70 Ölquellen gegraben. Täglich holt er 70000 Fass des kostbaren Rohstoffs aus dem Boden. Was ihm einen Umsatz von sieben Millionen Dollar bringt – jeden Tag.

Noch vor vier Jahren stoppte kaum einer in Cuero, wenn er von San Antonio zum Golf nach Mexiko fuhr. Heute kann man vom Strassenrand zusehen, wie sich die USA und somit die Welt verändern. mehr

 

Um 22 Uhr 20 brach der Jubelsturm los
Ausgelassen feierten seine Anhänger in Chicago Präsident Barack Obama. Tenor im McCormick Place: Er muss anpacken, was er bisher versäumte.
Zuerst ein dumpfes Raunen, dann durchzieht ohrenbetäubendes Gekreische die Halle des McCormick Place in Chicago. Dienstagnacht, 22.20 Uhr. Zehntausend Menschen schreien, fallen sich in die Arme, tanzen. Barack Obama (51) ist Wahlsieger.

Sechzig Millionen Amerikaner gaben dem Präsidenten ihre Stimme – 50 Prozent der Wählerschaft. Auf den republikanischen Herausforderer Mitt Romney (65) entfielen 48 Prozent. Obama hat bisher 303 Wahlmänner erhalten, Romney 206. Offen ist Florida.

Um halb eins betritt Obama mit Gattin Michelle und seinen beiden Töchtern die rot-weiss-blau geschmückte Bühne. «Die Wirtschaft erholt sich», stimmt Obama optimistisch an. «Zehn Jahre Krieg sind bald vorbei.»

Seine Anhänger horchen in ihren besten Roben. Viele Männer tragen Anzug und Krawatte. Frauen schicke Kleider und adrette Schuhe. Sie wissen: Für historische Ereignisse macht man sich hübsch. mehr

Die Schuld tragen ganz klar die Deutschen
Der ehemalige UBS-Präsident Peter Kurer über den Schweizer Finanzplatz nach dem deutschen Nein zum Steuerabkommen – und warum wir Schweizer nicht so wichtig nehmen sollten.
Herr Kurer, warum glaubt man Schweizer Banken nicht mehr?
Peter Kurer: Schweizer Banken sind glaubwürdig. Wir haben einen der stärksten und angesehensten Finanzplätze der Welt.

Die Banken betonten, es gebe keine deutschen Abschleicher. «Lüge», sagen SPD-Politiker. Woher rührt solches Misstrauen?
Das sind durchwegs politisch motivierte Aussagen deutscher SPD-Politiker.

Es ist schwierig, 80 Jahre Argwohn gegenüber dem Schweizer Bankgeheimnis zu überwinden.
Wir stehen an einem Wendepunkt. Wir achteten lange nicht darauf, ob bei uns angelegte Gelder ­steuerkonform sind. Das wird nun nicht mehr akzeptiert. In Sachen Steuerkonformität müssen wir den Finanzplatz klar neu positionieren.

Es ist unanständig geworden, ein Schweizer Bankkonto zu haben.
Das stimmt doch nicht. mehr

Kleinkunden sind den Banken ausgeliefert
Der Banken-Ombudsmann tritt ab. 20 Jahre lang half er Geprellten. Dabei hat er 35000 Beschwerden behandelt – und liess sich nie beeinflussen.
Hanspeter Häni (63) mag es altmodisch. Wer sich beim Banken-Ombudsmann beklagen will, muss ihm einen Brief schreiben. E-Mails akzeptiert er nicht. Dokumente legt er in Sichtmäppchen ab. Behandelte Fälle enden in etikettierten Bundesordnern.

Seit 1993 hat Häni 35000 Beschwerden von Schweizer Bankkunden abgewickelt. Jetzt tritt er ab, will endlich mehr Freizeit. Zurück bleibt eine «fundamental gewandelte Branche». Als er anfing, boten Schalterbeamte zehn Dienstleistungen an. Erst nach drei Jahren hatten sie alleine direkten Kundenkontakt. Heute muss einer fünfzig Sachen können – nach drei Monaten.

Das Bankgeheimnis galt als unumstösslich. «Heute liegt es auf dem Sterbebett», sagt Häni. Kreditkarten waren rar. Bei der Post zahlte man Rechnungen bar. Heute sei jeder Privatkunde, «haben Krethi und Plethi einen Kundenberater». mehr

Wer nicht mitzieht, kann gehen
Beim Frühstück erzählen Konzernchef Sergio Ermotti und VR-Präsident Axel Weber, wie sie bei der UBS aufräumen. Was ihnen Geld bedeutet. Und warum Banker nicht schlechtere Menschen sind als Politiker und Journalisten.
Herr Weber, wie gut ist Ihr Italienisch?
Axel Weber: Beim Italiener kann ich etwas zu essen bestellen.

Sergio Ermotti ist Tessiner. Reden Sie mit Ihm Englisch?
Weber: Wir sprechen Englisch und Deutsch – aber nicht Italienisch.

Herr Ermotti, was lernt ein Tessiner von einem Pfälzer?
Sergio Ermotti: Viel. Axel ist ja ein Professor.

Und was lernt ein Pfälzer von einem Tessiner?
Weber: Sergio kennt die Märkte. Er hat den Job des Bankers von der Pike auf gelernt. Er versteht das Tagesgeschäft wie kein zweiter in der Bank. mehr

Alle Artikel aus dem Jahr 2012

Fotos von: Pascal Mora, Remo Nägeli, Stefan Falke, Daniel Winkler, Robert Huber, Sabine Wunderlin, Mark Chilvers, Niels Ackermann, Joseph Khakshouri, Andrew McConnell, Gerry Nitsch

Steuern: Deutsche lernen von der Schweiz

Verwirrspiel in deutschen Me­dien um das Steuerabkommen mit der Schweiz. «Bild» meldete gestern, der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble strebe mit Singapur ein Abkommen über den Austausch von Informationen an – wegen der «anstehenden Offenlegung» deutscher Kontoinhaber in der Schweiz sowie regen Geldabflusses nach Südostasien. Nur: Beim Steuerabkommen bleiben die Kunden anonym. Vermutlich will Schäuble mit Singapur ein ähnliches Abkommen wie mit der Schweiz.

Laut «Spiegel Online» seien deutsche Steuerflüchtlinge «nach Einschätzung von Experten dabei, zweistellige Milliardenbeträge» aus der Schweiz nach Singapur zu schieben. «Das entbehrt jeglicher Grundlage», sagt Mario Tuor, Sprecher beim Staatssekretariat für Internationale Finanzfragen. «Die Behauptung von grossen Verschiebungen von der Schweiz nach Singapur durch deutsche Kunden ist pure Stimmungsmache.» Das Gegenteil sei der Fall: «Die Angaben, die wir haben, zeigen eine Verschiebung deutscher Gelder von Singapur in die Schweiz.»

SonntagsBlick, 7. Oktober 2012

USA: Schweiz fördert Internet-Piraterie

Wer hierzulande einen gestohlenen Film aus dem Internet lädt und ihn daheim schaut, bricht kein Gesetz. Das trägt der Schweiz nun unrühmliche Ehre ein: Ein Ausschuss des US-Kongresses setzt uns auf die schwarze Liste der Internet-Piraten – und somit in eine illustre Gesellschaft. Russland, China, Italien und die Ukraine sind neben der Schweiz jene Staaten, die aus US-Sicht Piraterie im Internet nicht nur dulden, sondern fördern.

Die Schweiz werde angeprangert, weil «mangelnder Schutz von Urheberrechten ein anhaltendes Problem» sei, teilte der Anti-Piraterie-Ausschuss gestern mit. Von der Schweiz aus würden Portale betrieben, die eine einzige Absicht verfolgten: «Den Vertrieb von gestohlenem Material im grossen Stil.»

Die USA fordern eine gesetzliche Anpassung. «Sonst bleibt die Schweiz ein Magnet für Piraten.» Zudem müssten Firmen, die davon profitieren, haftbar gemacht werden. «Es muss klar sein, dass das Kopieren von illegalen Quellen illegal ist.»

Der Direktor des Eidgenössischen Instituts für Geistiges Eigentum verteidigt die Schweiz: «Unsere Rechtsordnung bietet durchaus wirksame Mittel zur Bekämpfung der Internet-Piraterie», sagt Roland Grossenbacher. Unlängst hätte überdies Justizministerin Simonetta Sommaruga eine Arbeitsgruppe dafür eingesetzt.

Blick, 22. September 2012

Apple steals from Swiss Railways

bahnhofsuhr_padWith the release of iOS 6, Apple introduced a watch and an alarm clock to its popular tablet computer iPad.

Well, it copy pasted its design from famed Swiss Railways SBB. The new iPad clock looks exactly like the clocks at Swiss railways stations.

According to Swiss daily «Blick am Abend», Apple did not ask for permission to use the destinguished design. Now SBB wants money from Apple. «Blick am Abend» quotes SBB spokesperson Reto Korman: «We’re trying to get in touch with Apple to settle this unauthorized use [of our design] legally and financially.»

SBB owns the copyright to the clock. Originally it was designed by Hans Hilfiker in 1944. Today, the clock is among the most famous Swiss design icons.

Back in 2009, developer Thomas Feger launched a clock App with Hilfiker’s design. He had SBB’s permission. Feger calls Apple’s move «brass.» He believes that company was inspired by his App.

Swiss watchmaker Mondaine Group is also considering suing Apple, reports «Blick am Abend». Mondaine is licensing the design from SBB and produces smaller watches.

Standpunkte: Wer wird US-Präsident?

Unter der Leitung von Hannes Britschgi diskutieren in «SonntagsBlick Standpunkte» über die amerikanischen Wahlen: US-Botschafter in der Schweiz, Donald S. Beyer; James Davis, Universität St. Gallen; Anita Fahrni-Minear, International Business and Professional Women; Peter Hossli, Journalist.

SonntagsBlick Standpunkte vom 16.09.2012

Wird Notenstein an Vontobel verkauft?

Für das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» ist Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz (56) die Nummer eins im Firmen- und Privatkundengeschäft. Damit machte der gebürtige Bündner erneut von sich reden – wie so oft in letzter Zeit. Jetzt weiss SonntagsBlick aus gut informierten Quellen: Er hat der Bank Vontobel das Angebot unterbreitet, die Notenstein Privatbank AG zu übernehmen. Vontobel-Sprecher Reto Giudicetti will dies weder dementieren noch kommentieren.

Pikant ist: Die Raiffeisen-Gruppe ist an beiden Privatbanken beteiligt. Sie hält an Ko­operationspartner Vontobel 12,5 Prozent. 100 Prozent sind es bei Notenstein. Dafür zahlte Raiffeisen im Januar rund 500 Millionen Franken – davon 155 Millionen für die verwalteten Vermögen von damals 21 Milliarden Franken.

Vincenz wiegelt ab: «Es liegt kein Verkaufsangebot von unserer Seite vor, das steht.» Raiff­eisen habe eine klare Strategie: «Wir setzen die Kooperation mit Vontobel fort. Zudem positionieren wir Notenstein im Markt als ­eigenständige Privatbank.» Sie sei eine Erfolgsgeschichte (siehe Interview). Nur: Jede andere Aussage würde neue Unruhe in die junge Bank bringen.

Fakt ist: Dass Vincenz den Einstieg in die Vermögensverwaltung wagte, trübte die Beziehung zu Vontobel. Seinen Sitz im Verwaltungsrat der Privatbank überliess er deshalb seinem Finanzchef Marcel Zoller.

Unter Zeitdruck steht Vincenz nicht. Es ist ein offenes Geheimnis, dass er den Anteil an Vontobel erhöhen möchte. Dazu sind die Familienaktionäre mit Grandseigneur Hans Vontobel (96) nicht bereit. Vontobel-Chef Zeno Staub (43)wiederum sitzt auf mindestens 600 Millionen Franken, die er für Übernahmen einsetzen kann. Die zersplitterte Vermögensverwaltungsbranche in der Schweiz wird sich konsolidieren. Dafür sorgt der Druck, nur noch versteuertes Geld aus dem Ausland zu verwalten.

Seit der Notenstein-Übernahme rätseln Branchenkenner, wie sich die Zusammenarbeit zwischen Raiffeisen und Vontobel entwickeln wird. Raiffeisen übernimmt von Vontobel Finanzprodukte wie Anlagefonds. Zudem sind die Zürcher für die Abwicklung der Wertpapiergeschäfte zuständig.

Peter Hossli, Roman Seiler, SonntagsBlick, 9. September 2012

Interview mit Notenstein-CEO Adrian Künzi

Mitt Romneys Schweizer Konto in der Kritik

martin_oDer republikanische Präsidentschafts­kandidat Mitt Romney hatte bis 2010 ein Schweizer Bankkonto. Demokraten dient es, den ­Financier als Trickser hinzustellen. In einer flammenden Rede lästerte Gouverneur Martin O’Malley (49) aus Maryland: «Schweizer Banken haben noch nie eine amerikanische Brücke gebaut.» Und: «Schweizer Bankkonten bringen keine Polizisten auf die Strassen, keine Lehrer in die Schulzimmer, sie haben nie US-Jobs geschaffen.» Wer ein Konto im Ausland habe, wette gegen Amerika, sagte O’Malley.

Was er unterschlägt: Geld auf Schweizer Banken treibt die US-Wirtschaft an. So ist die Schweiz achtwichtigste Direktinvestorin in den USA. 177 Milliarden Franken investierten Schweizer Firmen 2010 in Amerika, ein Fünftel aller Schweizer Direktinvestitionen. Schweizer Grossbanken beschäftigen zudem fast 32 000 Personen in den USA.

Ärger für Romney wegen Steuern

romney_bainWahlkampfhilfe für Präsident Barack Obama aus New York. Der dortige Staatsanwalt Eric Schneiderman hat eine Untersuchung gegen etliche US-Private-Equity-Firmen eröffnet. Abklären will er, ob sie das Steueramt ausgetrickst haben.

Zu den betroffenen Firmen gehört Bain Capital, 1984 gegründet und bis 1999 geführt vom republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney. Angeblich sollen Bain und andere Hunderte von Millionen Dollar als Kapitalgewinne zum Ansatz von 15 Prozent statt als reguläre Gewinne zu 35 Prozent versteuert haben. Ob das illegal war, darüber sind sich US-Juristen uneins.

Für Romney kommt die Untersuchung ungelegen. Er gilt als dreister Steuer­optimierer, seit bekannt ist, dass er ein Bankkonto in der Schweiz hatte. Eines politischen Manövers verdächtigt wird derweilen Schneiderman. Wie Obama ist er Demokrat. Und Private-Equity-Firmen verfolgen diese Praxis seit 20 Jahren.

Romney kürt Vizekandidat

romney_ryan1Mit einem pein­lichen Versprecher stellte der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney (65) gestern in Virginia seinen Mann für das Amt des US-­Vizepräsidenten vor: «Das ist Paul Ryan, nächster Prä­sident Amerikas.» Romney eilte zurück ans Mikrofon, um «den nächsten Vizepräsidenten» zu begrüssen. Ryan (42) redete ohne Krawatte und giftelte gegen US-Präsident Barack Obama. Der Kongressabgeordnete aus Wisconsin setzt sich vehement für tiefere Steuern ein und gilt als Nachwuchsstar der Republikaner. Nun soll er die Konserva­tiven der Partei um Romney einen.

Er sieht aus wie ein Filmstar, hat drei Kinder – dazu das, was US-Politiker haben müssen: eine perfekte Haartracht.

Blocher-Technik im Galaxy SIII

galaxy_emsWer mit Samsung oder iPhone telefoniert, nutzt Technik der Ems-Chemie bei Chur. An der heutigen Halbjahrespressekonferenz erklärte Konzernchefin Magdalena Martullo-Blocher, dass ihre Firma Spezialpolymere (Kunststoffe) fürs Galaxy SIII liefert. Martullo-Blocher geht davon aus, dass Samsung allein in diesem Jahr 50 Millionen Galaxy SIII verkaufen wird.

Bei Apple gibt sich die Ems-Chefin geheimnisvoller: «Es hat Materialien von Ems in iPhone, iPad und iPod, mehr darf ich dazu nicht sagen».

Bruno Zuppiger auf China-Tour

Überraschung am Montagabend beim Schweizer Fernsehen. Plötzlich huscht in der News-Sendung «10 vor 10» SVP-Nationalrat Bruno Zuppiger (60) über den Bildschirm. Dicht hinter Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann (60) betritt der Zürcher einen fensterlosen Konferenzsaal in der chinesischen Hauptstadt Peking, drückt die Hände etlicher Staats- und Wirtschaftsvertreter.

Ruhig war es um Zuppiger geworden, seit er im vergangenen Dezember schmachvoll seine Bundesratskandidatur zurückziehen musste. Der Vorwurf: Er soll sich an einer von ihm verwalteten Erbschaft bedient haben. Als Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbandes musste er zurücktreten. Anfang Jahr eröffnete die Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich gegen ihn ein Strafverfahren wegen Veruntreuung und ungetreuer Geschäftsbesorgung.

Warum begleitet Zuppiger nun aber Schneider-Ammann auf Wirtschaftsmission nach Fernost? «Zuppiger ist Präsident der parlamen­tarischen Gruppe Schweiz–China», sagt ein EVD-Sprecher. Und: «Die Reise zahlt er selbst.»

Verdingte: Freiburg entschuldigt sich

Der Freiburger Staatsrat entschuldigt sich «bei allen Personen, die im Kanton Freiburg aufgrund einer Zwangsplatzierung Missbrauch und Misshandlungen erleiden mussten». Der Staatsrat bedauert, dass die damaligen Behörden «der menschlichen Würde dieser Kinder derart wenig Beachtung entgegengebracht haben». Freiburg sei der fünfte Kanton, der sich bei den Verdingkindern entschuldigt habe, sagt der Präsident des Vereins Netzwerk Verdingt, Walter Zwahlen: «Für alle, die im Kanton Freiburg verdingt waren, ist dies ein historischer, wichtiger Sieg über erlittenes Unrecht.»

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Geraubte Kindheit

Roger Schawinski über Leon Schlumpf

schawinski_radio24Roger Schawinski gründete 1979 das Schweizer Privatradio Radio 24. Anfänglich sendete er vom italienischen Pizzo Groppera in die Schweiz – was an sich illegal war.

Schawinski wurde so zum Gegenspieler des damaligen Medienministers Leon Schlumpf. Dies führte 1983 zur Verordnung über lokale Rundfunkversuche (RVO).

Roger Schawinski über den Tod von Leon Schlumpf:

«Ich habe Leon Schlumpf als totalen Gentlemen erlebt, obwohl er auf der Gegenseite war. Menschen mit anderen Meinungen hat er stets respektiert. Er hat mich nie als Gegner betrachtet, sondern sah mein Radio als Chance, die Radiolandschaft zu liberalisieren. Heute ist die Verordnung über lokale Rundfunkversuche (RVO) die grösste Leistung seiner Amtszeit, sie führte zum Radio- und Fernsehgesetz.  Es ist ironisch, dass seine Tochter Ausgangspunkt der Spaltung seiner Partei geworden ist.»

Heuchler Obama

Als Saubermann zog Barack Obama im Januar 2009 ins Weisse Haus ein. Einer, der die Lobbyisten aus der Politik fernhält. Nun belegen E-Mails vom Sommer 2009: Kaum war Obama amerikanischer Präsident, liess er sich von Lobbyisten der Pharmabranche hofieren, machte Konzessionen, um die Gesundheitsreform durchzubringen. Als «Heuchler» bezeichnen ihn nun politische Gegner. «Er versprach die ehrlichste und transparenteste Regierung aller Zeiten, nie würden Lobbyisten seine Gesetze verfassen», sagt der Republikaner Michael Burgess. «Doch kaum ging es um die Sache, schlossen sich die Türen, die Lobbyisten kamen rein und schrieben Gesetze.» Für Obama.

Hildebrand Reader

hilde_ball“Der alt Bundesrat weiss nicht mehr, als was in der Presse steht”
Am 24. Dezember fragte dieser Reporter bei Christoph Blocher nach, ob der Zürcher Nationalrat mehr zum Fall Hildebrand wisse. Nein, lautete die Antwort seines Pressesprechers. 3. Januar 2012

“Ich habe Fehler gemacht, und ich bedauere es”
Hildebrands Botschaft: Rechtlich war alles in Ordnung, aber die moralische Frage habe ich unterschätzt. 6. Januar 2012

Was der Whistleblower wirklich wollte
Der mutmassliche Datendieb im Fall Hildebrand wollte eine juristische Klärung der Dollarkäufe. Gegen seinen Willen kamen die geklauten Bank-Dokumente in die Presse – weil SVP-Drahtzieher ihn hintergingen. 8. Januar 2012

Jede Affäre hat ihr Bild
… auch die Dollar-Affäre um die Hildebrands. Es zeigt das elegante Banker-Paar an einem Ball. Abgedrückt hat die Ringier-Fotografin Sabine Wunderlin. 8. Januar 2012

“Ich bin das kleinste Zahnrad”
Er soll die Kontodaten von Philipp Hildebrand geklaut haben. Jetzt reagiert Reto T. mit einem langen E-Mail. 9. Januar 2012

Die Welt der globalen Nomaden
Ihr Zuhause ist überall, ihr Freundeskreis international, ihre Interessen grenzenlos – so, wie die Hildebrands, eine Familie von Welt. 15. Januar 2012

Wer hat dieses Dokument fabriziert?
Der von der «Weltwoche» veröffentlichte Hildebrand-Kontoauszug ist manipuliert worden. Einen Monat vor der Veröffentlichung vernichtete der Datendieb die bei ­Sarasin entwendeten Dokumente. 18. Januar 2012

Es ging um Geld & einen Job
Was wirklich geschah, als sich alt Bundesrat Christoph Blocher am 3. Dezember 2011 mit dem mutmasslichen Datendieb Reto T. und Anwalt Hermann Lei in der Herrliberger Villa traf. 22. Januar 2012

Tür-Knall war kein Selbstmordversuch
«Selbstmord-Versuch des Datendiebes» titelte die «Sonntags Zeitung» am 8. Januar auf Seite 1. Reto T. (39) habe versucht, sich das Leben zu nehmen, schrieb die Zeitung, gestützt auf mehrere Quellen. Glücklicherweise ist das eine Ente. 22. Januar 2012

Nur noch Sparbüechli für Nationalbanker
Die Schweizerische Nationalbank (SNB) kündigt Verschärfung des Reglements für Eigengeschäfte ihres Direktoriums an. 8. März 2012

Der Bankrat bleibt im Graubereich
Kommentar zum neuen Reglement der Schweizerischen Nationalbank für Eigengeschäfte von Mitgliedern der Bankleitung. 13. März 2012

Immunität auf Messers Schneide
Christoph Blocher beruft sich in seinem Strafverfahren im Fall Hildebrand auf parlamentarische Immunität. Dabei war er noch nicht Nationalrat, als er den Stein ins rollen brachte. 22. März 2012

Herr Blocher, so viel zu Ihrer Immunität
«Das Parlamentsgesetz ist in Bezug auf den Amtsantritt äussert klar. Dieser erfolgt erst mit der Leistung des Amtseides. Deshalb geniesst ein gewählter Nationalrat für Handlungen vor ­diesem Zeitpunkt keine Immunität. Das liefe auf eine ­absolute Immunität hinaus, die die Schweiz so nicht kennt.» Giusep Nay. 25. März 2012

Analyse zu Blochers Auftritt vor der Immunitätskommission
Eine Faktenprüfung der Stellungnahme vor der Immunitätskommission ergibt: Christoph Blochers Wahrheit fällt an etlichen Stellen eher selektiv aus. 29. April 2012