OBSERVATIONS by Peter Hossli, a curious reporter who always finds a good story

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Der Kopf

brueckeWenn ich darüber nachdenke, ob ich noch denken kann, kann ich dann noch denken?

Die Sonne scheint. Die Luft ist klar. Zuerst kracht das Nasenbein. Dann brennt die Stirn.

Das Velo? Wo ist das Velo? Lebe ich? Die Mädchen? Mein alles?

Wie heissen Sie?, tönt es aus dem Nichts. Neben mir liegt der See. – Hossli. Peter Hossli. – Sie bluten. – Mit beiden Händen halte ich den Kopf. – Sie machen das gut, einfach nicht bewegen, es kommt Hilfe. – Die Stimme telefoniert. – Velounfall auf der Quaibrücke, Mann zwischen vierzig und fünfzig, blutet aus der Stirn, ist ansprechbar, Nein, bewusstlos war er nie. –

Fünfzig? Sehe ich aus wie fünfzig? Immerhin, ein Gedanke, ja sogar ein Witz. So schlimm kann es nicht sein.

Die Stimme spendet Trost. – Es kommt gleich jemand, halten Sie still. –

Samstag vor Weihnachten, regungslos liege ich auf der Quaibrücke in Zürich. Zuhause warten die Kinder auf frische Brötchen, ich war schwimmen im Hallenbad City. Danach würde ich eine Geschichte schreiben über Nordkorea. Und der Text von Adolf Ogi über Weihnachten muss noch autorisiert werden.

Fahre über den Bürkliplatz, halte vor dem Rotlicht, es wird grün, ich überquere die Strasse, betrachte den See, zwei Ruderinnen fallen mir auf, fahre auf dem Radstreifen. Alles korrekt.

Dann folgt die viel beschriebene Sekunde, die vieles verändert.

Ich ziehe an der Bremse. Es überschlägt mich. Falle frontal und völlig wehrlos aufs Gesicht. Zuerst klatscht die Nase auf den Asphalt. Es kracht. Der Kopf folgt. Ein Riss. Wahrscheinlich federt die Nase die Wucht des Aufpralls ab.

Jetzt ist es kalt, wie ein Embryo ziehe ich meine Beine zusammen, liege auf der Seite. Denke: immerhin bin ich frisch geduscht, wenn sie mich im Spital ausziehen.

Die Stimme ist ein Mann im hellbraunen Jogging-Anzug. Er gibt mir Sicherheit. Eine zweite Stimme kommt hinzu. – Ich bin Ärztin, kann ich helfen? – Nein, es geht, die Ambulanz ist unterwegs. –

Der Jogger ist ein Mensch, der hilft, weil ein anderer Mensch Hilfe braucht.

Die Ambulanz hält. Ein Mann und eine Frau beugen sich zu mir. Irgendwie sind ihre Kleider zu gross. – Wie heissen Sie? – Peter Hossli – Waren Sie bewusstlos? – Nein. – Wann haben Sie Geburtstag? – April 1969. – Was ist passiert? – Es hat mich nach einer Bremsung überschlagen.

Kommt alles gut, wenn ich diese Fragen beantworten kann? Kann ich denken? Wieder im See schwimmen, der neben mir glitzert?

Die Polizei ist hier. Ein älterer Mann, freundlich, sein junger Kollege, unauffällig. Kaufmann heisst der ältere, erfahre ich später. Wo wohnen Sie? – Wie lautet Ihre Telefonnummer? – Wohin wollten Sie? – Vom Schwimmbad nach Hause. – Ist jemand daheim? – Ja.

Die Sanitäter helfen mir aufzustehen, binden mich auf die Barre.

Was passiert mit dem Velo? Ist es kaputt? – Das bringen wir Ihrer Familie, sagt der Polizist. Er steckt die kaputte Brille in einen Plastiksack, zusammen mit den blutverschmierten Handschuhen. Später finde ich den Sack im Rucksack, zusammen mit der nassen Badehose, dem Handtuch, der Schwimmbrille.

Ich öffne das Portemonnaie, suche nach einer Visitenkarte, will sie dem Jogger geben. Es ist keine mehr da. – Wie heissen Sie?, frage ich, bereits auf der Barre liegend. Ich verstehe Benz. – Wie kann ich mich bedanken? – Schon gut. – Ich finde Sie. – Er joggt weiter.

Im Krankenauto. Nochmals Name, Geburtstag, Heimatort: Zeihen/AG.

Ah, Sie sind auch aus dem Aargau, sagt die Sanitäterin. – Ja, ich habe Ihren Aargauer Dialekt erkannt. – In welches Spital wollen Sie? – Uni.

Kann ich noch denken, wenn ich den Aargauer Dialekt einer Sanitäterin erkenne? Und weiss, dass das Unispital am nächsten ist?

Die Decke im Auto ist weiss. Ich heule. Warum passiert so etwas? Warum mir? Komme ich wieder zurück? Kommt die Kraft zurück? Kann ich jemals wieder denken? Schreiben? Lieben? Mit den Kindern reden, sie durchs leben begleiten.

Kann ich etwas tun?, fragt die Aargauerin. Ich heule. Es ist der Schock, sagt sie.

Es ist Angst und Trauer und Hilflosigkeit. Angst, den Kopf zu verlieren. Trauer, Menschen zu enttäuschen. Ein Mensch, der die Kontrolle braucht, hat sie nicht mehr. Ist anderen ausgliefert.

Ich kaufe deinen Kopf, nicht deinen Hintern, sagte mir Heiko beim Anstellungsgespräch.Was, wenn der Kopf jetzt kaputt ist? Habe ich noch etwas zu verkaufen?

Das Auto hält. Über mir zieht die Spitaldecke vorbei. Ärzte und Pflegerinnen schauen mich an. Ich versuche, in ihren Blicken zu erkennen, wie schlimm es um mich steht. Denke an Schumacher, habe viel über Kopfverletzungen geschrieben und deshalb einiges gelernt dieses Jahr. Versuche zu erahnen, ob Blut im Innern meines Kopfes fliesst. Das wäre nicht gut. Blutungen im Hirn.

Nehmen Sie Medikamente? Ja, Blutverdünner wegen einer Thrombose.

Sie heben mich auf ein Bett in der Notfallstation. Eine Pflegerin sticht mir in den Arm, trifft nicht, sticht erneut auf der Hand, steckt eine Infusion. Schmerzmittel fliessen.

Sie wäscht die Wunde auf der Stirn, auf der Oberlippe. Ein Arzt kommt, ein Zürcher. Was ist passiert? – Ein Scheiss. – Scheiss passiert.

Wie heissen Sie? Peter Hossli. An was erinnern Sie sich? An alles.

Also gibt es dringendere Fälle. Jetzt muss ich warten. Mit dem Telefon. Schreibe E-Mails, will Ängste nehmen und gleichzeitig möglichst lückenlos informieren. Ein SMS von Zuhause. Die Polizei hat das Fahrrad abgeliefert. Was denken die Mädchen, wenn ein Polizist das Velo von Daddy bringt, ohne Daddy?

Wir behalten Sie, sagt der Zürcher.

Ein Mail ans Büro. Hatte Unfall. Komme nicht zur Arbeit. Das Telefon klingelt. Adolf Ogi. Gestern Abend habe ich ihm per Fax einen Text geschickt, Ogi über Weihnachten, er muss ihn autorisieren. – Bin im Spital, können Sie direkt mit der Redaktion reden. – Ich diktiere die Nummer eines Redaktors.

Weil ich die Nummer noch kenne, kann ich noch denken?

Muss pinkeln, aufstehen darf ich nicht. Die Pflegerin bringt eine Flasche. Stehend pinkle ich in die Flasche. Bin erstaunt, wie viel eine Blase halten kann. Ein halber Liter.

Das Telefon klingelt, die Chefin. – Ist es das Bein? – Nein der Kopf.

Stille. Der Kopf, das ist nie gut.

Der Kopf blutet, und ich habe Angst, den Verstand zu verlieren.

Endlich, sie schicken mich ins CT. Ein Spanier oder ein Tessiner oder ein Italiener fotografiert meinen Kopf. – Nach zwanzig Minuten soll der Befund kommen.

Es dauert zwei Stunden. Immerhin: keine inneren Blutungen, die Nase ist gebrochen, der Kopf aufgerissen, Zähne abgebrochen. Die Knochen intakt.

weiche_kostAlle reden Hochdeutsch, die Pflegerin, die Schönheitschirurgin, die Unfallchirurgin, die Assistenzärztin, der Zahnarzt. Pfleger Thomas im Zimmer stammt aus Stettin in der ehemaligen DDR.

Waren jene, die am 9. Februar Ja sagten, kürzlich in Spitalpflege?

Zwei Nächte im Spital. Weiches Essen ohne Salz. Der Kopf dröhnt, die Stirn hämmert, bin schnell müde.

Die Entlassung. Polizist Kaufmann ruft an. Ich habe ihm die richtige Nummer diktiert. Er gibt mir die Handy-Nummer vom Jogger. – Rufen Sie ihn erst Mitte Januar an, er ist in den Ferien.

Das Telefon klingelt erneut. No caller Id. Es ist Adolf Ogi, will wissen wie es mir geht. Sagt, er hätte viel positives Echo gehabt auf den Weihnachtstext.

Schreiben macht müde. Aber ich will schreiben um zu sehen, ob das noch geht mit dem Schreiben.

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